Teaser Unterwegs
von unterwegs
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Wanderer zwischen den Welten

Der Bulle schnaubt laut, Schaum klebt vor seinem Maul, ein gewaltiges, schwarz glĂ€nzendes, schweißtriefendes 700-Kilo-Muskelpaket mit Todesangst in den Augen. Der Kopf senkt sich, bereit in der nĂ€chsten Sekunde loszupreschen, mit riesigen Hörnern alles aufzuspießen was seinen Tod will oder einfach nur im Weg steht. more...

Ich verfolge die Szene im Rechteck meines Displays und realisiere erst jetzt, dass wir gemeint sind, GĂŒnther und ich, dass es maximal zehn Meter und acht HĂ€nde sind, die Horn von Objektiv noch trennen. Vier Himba-MĂ€nner zerren den Bullen am Schwanz, verhindern, dass er losrennt. Es ist ein auserwĂ€hltes Tier, ihm gebĂŒhrt die Ehre, mit seinem SchĂ€del das Grab des großen Chiefs zu schmĂŒcken, Tod durch Ersticken, so will es die Tradition. Die Lieblingsrinder folgen dem Verstorbenen in den Tod, bewachen mit blanken SchĂ€deln die letzte RuhestĂ€tte. Vor 18 Wochen verließen wir Deutschland, 123 Tage, in denen wir zu Nomaden wurden. Seit 20 Stunden befinden wir uns hier, mitten unter jenen, deretwegen wir aufbrachen, deren Lebensweise wir dokumentieren wollen – sie wie wir Wanderer zwischen den Welten.

Wir hatten noch nicht die Zeit, unser GlĂŒck zu begreifen, dieses Ereignis, die Beerdigung eines großen Chiefs filmen und fotografieren zu dĂŒrfen. Eine Zeremonie, der beizuwohnen normalerweise nur Angehörigen der Himba-Kultur und anderen Nahestehenden vorbehalten ist. Wie sollten wir es auch begreifen, haben wir doch seit unserer Ankunft im Kraal kaum geschlafen und gegessen. Zu ĂŒberwĂ€ltigend die EindrĂŒcke, kein Raum fĂŒr Hunger und MĂŒdigkeit. Jetzt hier zu sein, als einzige Weiße unter rund 500 Himba – war es Zufall, GlĂŒck, Bestimmung? Was uns erst Wochen spĂ€ter bewusst werden wird, ist, welch entscheidender Einfluss unsere Anwesenheit hier auf unsere weitere Arbeit haben wird. Sie wird zur Eintrittskarte in die Himba-Community: Wohin wir auch kommen, man erkennt uns wieder, wir werden aufgenommen.
Das Heulen der Sirenen kĂŒndigt von Weitem seine Heimkehr an, blaue und rote Lichtstrahlen schneiden kreisförmige Figuren in die undurchdringliche, mit Staub erfĂŒllte Luft, aus der im Schritttempo ein weißer Toyota rollt. Bewaffnete Reiter eskortieren den Wagen, Gewehrsalven in den Abendhimmel feuernd. Wie Boten einer anderen Zeit wirken ihre Silhouetten im Staubnebel. Am trockenen Flussbett haben sie ihn erwartet, das letzte StĂŒck Weg zu begleiten, den Weg aus der Moderne der Stadt zurĂŒck zur jahrhundertealten Tradition des Kraals. Um die Kunde seines Todes bis weit ĂŒber die Landesgrenzen Namibias hinaus verbreiten zu können, wurde der Leichnam Tuahorekua Tjiposas, des einst so einflussreichen Chiefs, wochenlang im örtlichen Krankenhaus von Opuwo tiefgefroren. Stöcke, Keulen und Bierflaschen schwingend kleben MĂ€nner wie Bienenwaben in Gruppen zusammen, stampfen mit ihren FĂŒssen rhythmisch die rote Erde auf, stoßen im gleichen Takt sonore Schreie tief aus ihren Brustkörben. Ein Ausdruck von Trauer, von Klage, ein Lobgesang von Ehrfurcht und Respekt, den sie zu seiner RĂŒckkehr anstimmen. Das Singen der MĂ€nner vermischt sich mit dem Stöhnen, dem Weinen und Seufzen, Wimmern und Schluchzen der etwa 200 Frauen, in deren Mitte der mit Gold und Spiegeln beschlagene Sarg aufgebahrt wird. Sie sitzen ruhig, sind nicht hysterisch. Im Schatten gleißenden Flutlichts, gehĂŒllt in Decken und vom durchdringenden Brummen eines Generators umgeben, verharrt die Trauergesellschaft bis in die frĂŒhen Morgenstunden am Sarg. Mit der aufgehenden Sonne erheben sich die ersten Stimmen zur Grabrede. Himba sind keine Animisten, keine Christen, in der Vergangenheit glaubten sie an die Kraft und Weisheit ihrer Ahnen, an die Stimmen des heiligen Feuers. Das Grab wird nicht geteilt mit der schönsten Lieblingsfrau, sondern mit dem SchĂ€del der schönsten Lieblingskuh. Sicherheitshalber legen konvertierte Verwandte des toten Chiefs ein Bild des Gekreuzigten mit hinein.
Das Schlachten beginnt. Die AuserwĂ€hlten flĂŒchten und mit ihnen die halbe Herde. Jahrzehnte alter und frischer Kuhdung hĂŒllt binnen Sekunden die Szene in einen undurchdringlichen Schleier, das Atmen transportiert feinsten Schmirgelstaub in unsere Lungen. Auf unserer Haut vermengt sich Schweiß mit Kuhmist, die Kameras kleben uns zwischen den HĂ€nden. Er dringt in jeden Winkel, in jede Ritze. Der geringste Windhauch und die Szenerie um uns hilft bei seiner Verteilung.
Ein aus losen Ästen geflochtener Zaun kreist sie ein, gewĂ€hrt Schutz vor wilden Tieren, Angreifern, Viehdieben. In ihm die Rinder, Ziegen und Menschen, nebeneinander, miteinander, fĂŒreinander. Mittendrin wir, im Himba-Kraal, unser Motorrad, Equipment und Zelt. »The tentmaker« rĂŒhmt es sich, unser Zelt, nagelneu und irrsinnig teuer. Seit der ersten Nacht stellen die Tentmaker im allabendlichen Ritual unsere Nerven auf eine harte Zerr-Reiß-Probe, hier bringen sie uns schier zur Verzweiflung. Kein Reißverschluss schließt mehr, alle verweigern ausnahmslos den Dienst. So fĂŒllt sich das Zelt nach und nach mit allem, wovor es uns schĂŒtzen sollte, unsere Sachen versinken in Kuhmist. »A tent is as good as the zip«, diesen weisen Spruch erfahren wir spĂ€ter in SĂŒdafrika!

Nach vier Tagen im Nowhere dann der Super-GAU! Die Feierlichkeiten neigen sich gen Ende. Dringend mĂŒssen wir Filmakkus laden – digitale Aufnahmetechnik giert nach Energie. Die zweite Batterie, hinter dem rechten Koffer montiert und mit der Bordbatterie verbunden, ist nicht Kraftwerk genug, um die Stromversorgung unserer Foto- und FilmausrĂŒstung stĂ€ndig zu garantieren. Eine in Windhoek von einem deutschen Elektroniker gebaute Konstruktion sieht nun vor, die zweite Batterie wĂ€hrend des Ladevorgangs durch zwei miteinander verbundene Solarpanels mit Sonnenenergie zu unterstĂŒtzen. Eine Möglichkeit, wĂ€hrend die BMW steht, die Batterie mit Strom zu versorgen, jedoch Ă€ußerst zeitaufwendig. Die Motorrad-Reservebatterie ist bereits fast aufgebraucht, da bekommen wir die Möglichkeit, an einer Autobatterie zu laden. UnglĂŒcklicherweise startet der Besitzer des Wagens plötzlich und ohne VorankĂŒndigung den Motor, was das LadegerĂ€t in Sekundenbruchteilen trotz doppelter Sicherung zerstört. Und weit und breit keine Aussicht auf Magie, ein Wunder oder wenigstens auf eine Reparatur. Die verbleibende Akkuleistung wird in strenge Notrationen aufgeteilt, der Einsatz der großen Filmkamera nun genauestens erwogen.

Die Welt der Himba steht auf vier Beinen und hat Hörner, das Universum der Himba dreht sich um die Kuh. Sie versorgt sie mit Milch, Fleisch und Fell, und das ist fast alles, was sie zum Leben brauchen. Es ist diese GenĂŒgsamkeit, die ihnen das autonome Überleben, den Erhalt ihrer Tradition und der frei gewĂ€hlten Lebensform bis in die heutige Zeit gesichert hat. Stolze, selbstbewusste Hirten und trotz ihrer riesigen Herden – viele von ihnen sind RindermillionĂ€re – gleichzeitig Meister im Betteln. Vielleicht ist Fordern das bessere Wort, oder in Zeiten des globalen Kapitalismus - vermarkten. Sie partizipieren an und profitieren von der modernen Welt, den Strömen internationaler Touristen, die durch ihren Lebensraum geschleust werden, benötigen diese jedoch nicht zu ihrem Bestehen. Im Stadtbild Opuwos wirken Himba wie Paradiesvögel, schön und stolz in ihrer NatĂŒrlichkeit.
In den 80er Jahren Ohopoho genannt, war Opuwo StĂŒtzpunkt der sĂŒdafrikanischen Armee und Ausgangspunkt militĂ€rischer Operationen gegen die von Angola eindringende SWAPO. Diese organisierten schwarzen Namibier versuchten sich einen Anspruch auf ihr Land und ein Leben in WĂŒrde zu erkĂ€mpfen, mit dem Erfolg der UnabhĂ€ngigkeit. Gegen die Himba und San hegt die Ovambo-Regierung bis heute jedoch große Ressentiments, kĂ€mpften diese doch wĂ€hrend des Krieges als FĂ€hrtenleser und gefĂŒrchtete Krieger auf Seiten der Weißen. Nach 21 Jahren UnabhĂ€ngigkeit teilt eine staubige Asphaltstraße den etwa 5000 Seelen zĂ€hlenden Ort, Drehscheibe der Kunene-Region, an deren bröckelnden Kanten das Leben der Himba pulsiert. Supermarktketten, chinesische Billigshops, drei Tankstellen, Restaurants, ein Krankenhaus, eine Polizeistation, Verwaltungsministerien und auf halber Höhe das SWAPO-Office. Dazwischen kein CafĂ©, kein Ort der Ruhe, kein Platz, an den man sich, ausgetrocknet, zurĂŒckziehen könnte. Nur Bars mit den verheißungsvollen Namen Miami, Champ Styl, Paris Bar, New Life Bar oder The Place To Be, die fern jeder Schmerzgrenze die Umgebung beschallen. Der Ort ufert aus, vergrĂ¶ĂŸert seinen Radius unaufhaltsam. Die sich rasant vermehrenden Shopping Malls konkurrieren mit der stetig wachsenden Zahl der KirchenhĂ€user. Die ehemaligen Besatzer haben sich auf das Betreiben von Edel-Lodges und CampingplĂ€tzen spezialisiert.
Auch fĂŒr uns ist Opuwo zentrale Anlaufstelle und wichtiger Ort unserer Arbeit, um ĂŒber das Leben der Halbnomaden zu berichten. Obwohl ĂŒber riesige Distanzen verstreut, treffen wir hier immer wieder auf »alte« Himba-Bekannte, die den sĂ€uerlichen Geschmack der Omahere fĂŒr ein paar Tage eintauschen gegen Black-Label-Bier und Coke. Handy-Guthaben werden mittels Rubbelprepaidkarten aufgeladen, vorbeifahrende Touristen mit »Perende, Perende, Foto Foto« und »Mariba, Mariba, Money Money« zum Fotografieren und Bezahlen aufgefordert.
Zwischen unseren Arbeitsgebieten liegen oft große Entfernungen. Der Lebensraum der Himba und San liegt im infrastrukturell unterentwickelten Norden Namibias, erstreckt sich von der WestkĂŒste bis zur Ostgrenze nach Botswana. Schotter, Wellblech, sandige und felsige Strecken. Diverse Reparaturen an AusrĂŒstung und Motorrad zwingen uns immer wieder in den SĂŒden, nach Windhoek, unser abgelaufenes Visum dann gar zum Verlassen Namibias. So erschließt sich uns das Land in seiner komplexen Schönheit, im grenzenlosen Facettenreichtum der Natur, in seinen menschgesteckten Grenzen. Der Weg fĂŒhrt durch endlose Weite, traumhafte Landschaft, wilde Natur in eingezĂ€untem Land. Reisen zwischen Stacheldraht und Electric Fences, ein- oder ausgesperrt, ein Leben vor oder hinter dem Zaun. Abseits der Pisten frei zu campen, ohne Hausfriedensbruch zu begehen, ist fast unmöglich. ZĂ€une in allen Variationen: Holz, mit und ohne Draht, mit und ohne Stacheln, doppelt ĂŒber- und hintereinander; in der Stadt Electric Fences, VideoĂŒberwachung, Bewegungsmelder, Watchmen, blutrĂŒnstige Hunde, vergitterte Fenster. Kein Quadratzentimeter, der nicht eingezĂ€unt ist. Treffend beschreibt der Satz eines wĂ€hrend der Apartheid nach SĂŒdafrika aus gewanderten KapitĂ€ns der Deutschen Afrika-Linie die schwarz-weiße Misere: »FrĂŒher haben wir SIE eingesperrt, heute mĂŒssen wir UNS vor IHNEN einsperren.«
So wertvoll scheint der Reichtum, so unertrĂ€glich die grenzenlose Weite, so unĂŒberwindbar der Unterschied der Kulturen und Hautfarben, dass der Mensch dem unabdingbaren Verlangen nach ZĂ€unen, Abgrenzung und Schutz erlag.

Kapstadt – man sagt, eine der schönsten StĂ€dte der Welt – empfĂ€ngt uns mit Regen. Die nasse Kleidung klebt kalt auf feuchter Haut. Im 3500 Kilometer entfernten Nord Namibias bereitet das Land sich auf den bevorstehenden trockenen und heißen Winter vor. Die Zeit ist gut gewĂ€hlt, nur vergessene Reklametafeln erinnern hier und da noch an versprochene TrĂ€ume um die gerade zu Ende gegangene Fußball-WM. Über Stadt und Land hĂ€ngt bedrohlich und schwer eine Wolke unterschwelliger Gefahr: grassierende Armut und eine neue Form des Rassismus; heute Schwarz gegen Schwarz, gegen Coloured und gemeinsam gegen die weiße Minderheit. Dazwischen Inseln unermesslichen Reichtums und der Verschwendungssucht. Mit Einbruch der Dunkelheit erlischt das GeschĂ€ftsleben, die Straßen gehören nun den Autofahrern und Gangs. Überall begegnen uns auch hier Nomaden, freiwillige oder getriebene, geflĂŒchtete Großstadtnomaden. Sie heißen Jaques, Aaron, Spiderman oder sind namenlos. Im GepĂ€ck ihre Geschichten und Erinnerungen. An Tracy, ermordet in Johannesburg fĂŒr einen Fernseher plus CD-Player nebst einigen CDs. An eine Odyssee um die halbe Welt auf der Flucht vor Armut, vor KriminalitĂ€t in Afrika. Sie trĂ€umen von Wohlstand und Gerechtigkeit und verehren noch immer ihren Helden – Nelson Mandela, den Vater der Nation. Nach einigen Wochen, spĂ€ter als geplant, verlassen wir Capetown, reisen erneut zu den Nomaden Namibias.

Windhoeks Zeitungen titeln vom Jahrhundertregen, viermal höhere NiederschlĂ€ge als gewöhnlich, die höchsten seit 120 Jahren, die WĂŒste zu PrĂ€rie, TrockenflĂŒsse zu reißenden Strömen und ganze Landesteile in Katastrophengebiete verwandelt haben. Trotz aller Warnungen wagen wir uns hinein in den fast menschenleeren Raum. Wir mĂŒssen, wir wollen – es ist das Siedlungsgebiet der Himba. Kaffee, Tee, Zucker, Reis, Salz, Tunfisch, Trockensuppen, Biltong und Bohnen sollen Nahrungsmittel fĂŒr die nĂ€chsten vierzehn Tage sein. FĂŒnfzehn Liter Wasser und zwanzig Liter Treibstoff werden an der BMW verzurrt. Wohl wissend, dass die Treibstoffreserven fĂŒr die bevorstehenden 850 Kilometer nicht ausreichen, nehmen wir das Angebot einer Zufallsbekanntschaft, eines deutschen 4x4-Touristen mit behaupteter Afrikaerfahrung, gerne an, uns zusĂ€tzliche vierzig Liter Benzin zu transportieren. Das am Kunene gelegene Camp Syncro, einst als Treibstoffdepot eingeplant, hat der Regen zwischenzeitlich in den Atlantik gespĂŒlt, und was nicht schwimmen konnte, versank im Schlamm.

Das zulĂ€ssige Gesamtgewicht der BMW ist lĂ€ngst ĂŒberschritten, wir nĂ€hern uns in Fahrt den 500 Kilogramm. Unsere Foto- und FilmausrĂŒstung ist hauptverantwortlich fĂŒr diese Gewichtsexplosion, leider kann sie um kein Milligramm reduziert werden. Schwieriger noch als das Gewicht der BMW ist ihre Masse zu kontrollieren. Zu viel Masse im RĂŒcken und zu wenig Gewicht auf dem Vorderrad bringen das Fahrwerk schnell ins Taumeln. Die Kompassnadel zeigt Richtung WNW, fĂŒhrt uns direkt zwischen den Giraffenbergen im SĂŒden und den Steilrandbergen im Norden nach Etanga, der ersten Siedlung nach Opuwo auf unserem Weg durch das Kaokoveld zum Kunene, der natĂŒrlichen Grenze zwischen Angola und Namibia. Im fĂŒnften Gang, mit 70 bis 90 km/h sĂ€gt die BMW durch den Schotter, ĂŒberfliegt fast schwerelos die ausgedehnten Sandpassagen. Ich genieße den Moment der Stille, nicht diskutieren, recherchieren, taktieren zu mĂŒssen, sich nur dem Fahren und meinen Gedanken hingeben zu können. Zu hören, wie der Sound des Motors sich im aufgewirbelten Staub auflöst. Ich spĂŒre die Kraft der F 800 GS, empfinde Bewunderung fĂŒr die Technik, fĂŒr das Zusammenspiel der Kolben, der Pleuel, der Kurbelwelle, der Lager, der ZahnrĂ€der und Ritzel, der Wellen, Walzen und Klauen, der Pumpen. FĂŒr die tausenden Teilchen, die ein großartiges Ganzes schaffen, sich zu einer perfekten Symphonie harmonisch vereinigen, von einem elektronischen Baukasten dirigiert. Entschlossenes Bremsen, die RĂ€der krallen sich im Gravel fest. Aus den Bergen herabgestĂŒrztes Wasser riss die Piste mit sich und hinterließ ein ausgedehntes Sumpfloch. Weit abseits der Hauptpiste finden wir ĂŒber festem Untergrund eine Durchfahrt. Unsere Erfahrung macht aufmerksam, der abgekĂŒhlte Wind prophezeit die nĂ€chste Regenfront. Nahe eines Himba-Kraals schaffen wir es noch, trocken in die SchlafsĂ€cke zu kommen. Zum FrĂŒhstĂŒck heißer Kaffee und Zigaretten, etwas Brot mit Peanutbutter. Zwei Stunden spĂ€ter ist das Equipment verpackt und aufgesattelt. Unter wolkenfreiem blauen Himmel biegen wir vor Otjitanda auf eine stark abschĂŒssige Geröllpiste nach Orupembe ab. Der Track wird enger, eine hohe Grasnarbe teilt die Fahrspur, unmöglich, den tiefen Regenfurchen oder der felsigen Böschung rechtzeitig auszuweichen. Also geschieht das, was geschehen muss und noch öfter auf unserer Weiterreise geschehen wird. Durch die enorme Breite und die tiefen Zusatzboxen unter den Alu-Koffern wird das Motorrad von einem Felsen aus der Spur katapultiert, auf die rechte Fahrrinne geworfen, um sich dann zu ĂŒberschlagen. Wir sind unverletzt, doch den Motor, der nun kopfĂŒber trocken lĂ€uft, muss ich zum Stillstand bringen. Aber ich komme nicht an den Notschalter. Kurz entschlossen zerre ich am Schalthebel, lege den ersten Gang ein, der Motor blockiert! Nachdem die Welt der BMW, um 180 Grad gedreht, wieder auf zwei RĂ€dern steht, Rea mir versichert, dass sie diesen Zwischenfall filmisch dokumentieren konnte, machen wir eine Bestandsaufnahme. Eine aufgerissene Packtasche, ein abgerissener Windschild, keine KnochenbrĂŒche! Unser GPS ist mit leichten SchĂŒrfwunden davongekommen. Weiter geht’s ĂŒber Felstreppen und Geröllhalden; ĂŒber faustgroßen roten Kiesel lenke ich die BMW talwĂ€rts. All unsere MĂŒhe wird belohnt, die Strapazen, jedes Risiko, das wir eingingen, sind vergessen und bedeutungslos mit der Sicht auf diese makellose Landschaft. In weiter Ferne blĂ€ulich schimmernde Tafelberge verhindern, dass die von einem mintgrĂŒnen Grasteppich ĂŒberzogene steinige Ebene am Horizont den Himmel berĂŒhrt. HĂŒfthohes Gras wiegt sich sanft im Wind, glitzernd im Licht der Abendsonne, als glĂ€nzender, geisterhaft wirkender Schleier legt er sich ĂŒber das Land. Einmal mehr beweist uns die Natur ihre Überlegenheit, wirft nach einigen Jahrzehnten etwas Wasser auf den WĂŒstensand und fĂŒhrt uns vor, wie mĂŒhelos sie in der Lage ist, die Welt zu verwandeln. Beeindruckt fotografieren und filmen wir den Zauber des Augenblicks, diese gelungene Abendvorstellung, in der eine Himba ihre Ziegenherde durchs Bild treibt.
In meinem Kopf hĂ€mmert die Warnung: »Die Strecken im Kaokoveld mit ihren ĂŒberschwemmten Furten und den weggespĂŒlten PĂ€ssen sind mit einem derart beladenen Motorrad nicht zu bewĂ€ltigen! « Der Weg fĂŒhrt uns steil abwĂ€rts ĂŒber Felstreppen, ich steuere eine Furt an, reiße den Gasgriff auf, um gradlinig durch den Sand gegen die noch steileren Felsstufen am gegenĂŒberliegenden Ufer zu rasen. Das Vorderrad schlĂ€gt erbarmungslos dagegen, springt, schwebt frei in der Luft, doch das Hinterrad schiebt uns unbeirrt den Hang aufwĂ€rts gegen den Himmel, zurĂŒck auf den sandigen Track. Verdiente Zigarettenpause, ein Schluck warmes Wasser. Meine anfĂ€ngliche Skepsis gegenĂŒber der F 800 GS ist in den vergangenen zwölf Monaten und mit gefahrenen 24.000 Kilometern einem aufrichtigen Respekt gewichen. Die große Bodenfreiheit trotz hoher Zuladung, die spontane Schubkraft am Hinterrad hat uns bisher unzĂ€hlige Male vor gefĂ€hrlichen StĂŒrzen bewahrt. Wir sind keine sportlichen Freizeitfahrer. Die BMW ist ein Donkey, wie der Namibier sagt, ein Lastenesel.

Im Osten die Baynes Mountains, im Westen die Hartmannberge. Am Marienfluss entlang driften wir durch einen sandigen, mit hohem Gras zugewucherten Track. In Augen, Mund und Ohren, in Hemd und Hose, in Schuhen und StrĂŒmpfen Myriaden stechender, juckender, pikender Grasspelzen. Die BMW leidet mit uns. Der Luftfilter setzt sich innerhalb kĂŒrzester Zeit zu, die Fahrttemperatur steigt auf 112 Grad Celsius. Der Motor atmet schwer. Auch Auspuff und WasserkĂŒhler setzen sich mit dicken Grasballen zu. Immer wieder mĂŒssen wir anhalten, entfernen das trockene Gras, um das Schlimmste zu verhindern: ein Entflammen am heißen Auspuff.
Halsbrecherische Berg- und Talfahrten wechseln mit Kies- und Geröll-Tracks. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir den Okombangu-Pass. Mit seinen fĂŒnf Kilometern LĂ€nge erspart er eine Umgehungsroute von 120 Kilometern. Vor dem ersten Gipfel verengt sich die Fahrrinne, steigt beĂ€ngstigend an. Zwischen Felsplatten und Steinbrocken quetschen sich die RĂ€der fest, die BMW ist blockiert. Endstation, hier geht es fĂŒr uns nicht weiter! »Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sich zu trennen«, kommentiert unser 4x4- Begleiter die Situation. Ganze zehn Minuten gewĂ€hrt er uns zum AuffĂŒllen unserer Treibstoff- und WasservorrĂ€te. Ein letzter Tipp fĂŒr uns: Wasser könnten wir auch an der 14 Kilometer entfernten Pumpe wieder auffĂŒllen, die lĂ€ge doch auf unserem Weg und spare ihm Zeit. Er verabschiedet sich schnell mit einem festen Schulterklopfen und dem unvergesslichen Satz: «GĂŒnther, big challenge, du schaffst das schon!« Bis heute hallt er in mir nach. Sein Toyota verschwindet hinter der Bergkuppe. Keine Gefahrensituation, kein Sturz konnte uns bisher so schockieren, so hart trifft uns diese menschliche EnttĂ€uschung! Sprach- und fassungslos richten wir inmitten von Geröll und Steinen einen Zeltplatz her und sammeln Feuerholz, bevor die Dunkelheit ĂŒber uns hereinbricht. Bei Sonnenaufgang und Kaffee laufen wir die Strecke mehrmals ab. Selbst unter grĂ¶ĂŸter Anstrengung gibt es keine Möglichkeit, eine fahrbare Trasse zu bauen. Ein weißer Punkt blitzt zwischen den HĂŒgeln auf, von Weitem nĂ€hert sich ein MotorgerĂ€usch. Peter, ein weißer Missionar aus Opuwo, in seinem Gefolge fĂŒnf schwarze Namibier. Er bietet an, unser GepĂ€ck im Wagen zu transportieren. Die Jungs schieben, heben und stĂŒtzen das Motorrad seitlich ab, wĂ€hrend ich es in ZentimeterabstĂ€nden die felsigen Stufen hinaufspringen lasse. FelsabwĂ€rts rutscht die BMW ĂŒber den langen Motorschutz, hebelt sich aus. Nach vier Stunden liegt der Berg hinter und der Hoarusib vor uns, der breiteste Fluss der Region. Wir verabschieden uns herzlich und freuen uns auf ein Wiedersehen in Opuwo.
Du siehst das Wasser nicht, und wenn du es hörst, ist es meist zu spĂ€t! Vielen sind sie schon zum VerhĂ€ngnis geworden, die namibischen Trockenflussbetten, kein Paradoxon, darin zu ertrinken. Das Wasser des Hoarusib kommt aus dem Osten, der niederschlagsreichsten Region des Landes. UnzĂ€hlige Male gehen wir an diesem Vormittag das etwa hundert Meter breite Flussbett ab, das wenig Wasser fĂŒhrt, eine imaginĂ€re Ideallinie markierend. Wir beseitigen die grĂ¶ĂŸten Kieselkolosse, denn unweigerlich wĂŒrden sie mich aus der Bahn katapultieren. Noch wĂ€hrend wir die Kameras installieren, fĂ€rbt sich im Osten der Himmel schwarzblau. Das Wasser steigt blitzartig, der Fluss schwillt zum reißenden Strom. In letzter Minute schaffen wir es, uns und die AusrĂŒstung ans andere Ufer zur BMW zu retten. BaumstĂ€mme surfen schwungvoll flussabwĂ€rts an uns vorbei. Wir errichten unser Zeltlager, filmen, fotografieren und hoffen! Der Pegel steigt innerhalb weniger Stunden um mehr als anderthalb Meter. Nach zwei Tagen sind es endlich nur noch 50 Zentimeter an der flachsten Stelle. Mein Entschluss steht fest. Mit nur leicht angewĂ€rmtem Motor fahre ich ĂŒber den steinigen Flusssaum. Die F 800 GS wird jedoch von der noch immer starken Strömung gepackt, treibt in eine tiefe Mulde. Reflexartig gebe ich Gas, erreiche eine Sandbank, doch das schwere Motorrad sinkt unaufhaltsam. Vollgas gebend ziehe und löse ich die Kupplung in kurzen Intervallen und kann die BMW so aus dem Sog befreien, breche ĂŒber Kieselblöcke auf trockene Erde, ans rettende Ufer flussabwĂ€rts, weit entfernt von meinem ersehnten Kurs. Noch dreimal werden wir ihn in den nĂ€chsten Tagen kreuzen, den Hoarusib. Schmalere, dafĂŒr tiefere Furten. Hoffnungslos, dies aus eigener Kraft zu schaffen. Wir bewĂ€ltigen sie nur mit Hilfe der Afrikaner und ihrer bewundernswerten Gelassenheit.

Die Götter mĂŒssen sehr zornig sein oder verrĂŒckt, es regnet seit Monaten, wie auch andernorts im sĂŒdlichen Afrika. Beharrlich, gnadenlos, Wasser statt WĂŒste. Unser Weg durch die Heimat der San fĂŒhrt durch den Nordwesten Botswanas bis an den Rand der Zentral-Kalahari. Hierbei queren wir Ngamiland, ein Gebiet, das bis heute grĂ¶ĂŸtenteils unerforscht blieb. Es existieren nur wenige zuverlĂ€ssige Landkarten. Die Berge der Götter, Tsodilo Hills, mythenumrankt und von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklĂ€rt, erzĂ€hlen in ĂŒber 2750 Felszeichnungen von der Geschichte der San, vom Anbeginn des Menschseins. Heiliges Wasser fließt jetzt in Strömen vom göttlichen Berg, ĂŒberflutet unseren Lagerplatz. Wir flĂŒchten notgedrungen, verbringen die Nacht in der klammen Toilette des Rhino Camp. Tage zuvor noch als Tracks erkennbar, liegt nun ein weit verzweigtes Kanalsystem vor uns, dessen Wasser sich in tiefschwarzen Morastlöchern sammelt. Der Untergrund in dem von langdornigen BĂŒschen dicht wucherten Umland ist weich und birgt immer die Gefahr einer Reifenpanne. Wieder schmiert die F 800 wie ferngesteuert in einen schwarzen Kanal, jedoch nach tausenden Kilometern auf losem Boden soll mein Übermut nun bestraft werden. Zu schnell, um die Ursache wahrnehmen zu können, wirft sich die BMW mit uns in die braune BrĂŒhe, die ĂŒberall eindringt, leider auch in den Stativköcher der Filmkamera. Wir reinigen und trocknen und stellen nach Tagen entsetzt fest, dass das feine Gemisch aus pulverigem Sand und Wasser seinen Weg in den Schwenkkopf des Stativs fand. Mit verheerender Wirkung: Er blockiert. Über den Zustand der Rad- und Schwingenlager der BMW strĂ€ube ich mich nachzudenken. Ich will ruhig bleiben.

Ein Volk ohne Gegenwart, ohne Zukunft, ohne Hoffnung

Ganz leise singt er sie, kaum hörbar, seine kleine Melodie. FĂŒnf, sechs Töne in immer gleichem Singsang. Er singt so melancholisch, dass man weinen möchte. Seine Daumen begleiten die Melodie auf einem winzigen Klavier, dem Thumb Piano. Zahllose Furchen durchziehen sein Gesicht, so tief, als wĂ€re darin die Geschichte des Niedergangs seiner Kultur zu lesen. Sein Blick ist voll weiser Traurigkeit, er weiß um seine Zukunft, um die seiner Familie: Es gibt sie nicht, sie ist nur noch leise Erinnerung wie sein Lied. Hierarchien sind den San fremd, in ihrer Gemeinschaft gibt es keinen FĂŒhrer, keinen, der das Sagen hat. Ein Leichtes daher, sie zu ĂŒbergehen, sie leisten keine Gegenwehr. Sie wurden vertrieben und deportiert, werden in Settlements kaserniert und zu Bettlern degradiert. Ihr Lebensraum muss weichen fĂŒr Rohstoffe, fĂŒr Diamanten, Uran, fĂŒr Luxustourismus. Aus unabhĂ€ngigen JĂ€gern und Sammlern wurden AbhĂ€ngige ohne Aufgabe und Arbeit. Ein Volk ohne Gegenwart, ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Mit einer verblassenden Vergangenheit, heute nur noch zu finden auf Postkarten und Felszeichnungen. Die Regierung betrachtet die San als rĂŒckstĂ€ndige Wilde. In Botswana nennt man sie abfĂ€llig »Tswana Dogs«. Ein Volk ohne Stimme, ohne Gehör.
Wir nennen ihn Klick Klack. Khaxa Ciqae in seiner Sprache auszusprechen – fĂŒr unsere Zungen unmöglich. Wenige Quadratmeter misst Klick Klacks Yard, eine Handvoll HĂŒtten, provisorisch gebaut aus Lehm und Blechresten, Kartonfetzen und MĂŒll. Jeden Morgen mit dem Sonnenaufgang steht er, immer stumm lĂ€chelnd, wenige Meter von unserem Zelt entfernt. Diskret und unaufdringlich. In immer gleichem Abstand zwischen ihm und uns. Sich seiner Aufgabe vergangener Zeiten bewusst, sich nach dem Wohl jedes Einzelnen aus der Sippe zu erkundigen. Drei Wochen lang sind wir Teil seiner Familie.
Meist sitzen sie nur herum und warten, kochen Tee, warten. Warten auf das monatliche Care-Paket der Regierung, den Food basket. Warten, dass der Tag vergeht, ein weiterer Tag Leben vergeht. Manchmal gehen sie los, leise, sammeln heimlich, jagen heimlich. Alles verboten, die Jagd ist den Touristen vorbehalten, gegen Geld. FĂŒr das Sammeln ihrer Feldkost benötigen sie ein »special permit«, auch das nur gegen Geld.
Zum Abschied befragen wir Klick Klack zu einem alten Buschmann-Sprichwort: »Drei Dinge kehren niemals zurĂŒck: der abgeschossene Pfeil, das gesprochene Wort, die vergangene Zeit.« Er nickt, lĂ€chelt. Leise, weise, stumm.

»Too much lions on the road! Hier könnt ihr nicht ĂŒbernachten!« Die Worte, ihre Eindringlichkeit und die Erinnerung an die FĂ€hrte, die wir am Morgen unweit des Zeltes entdeckten, bedĂŒrfen keiner weiteren Überzeugungsarbeit. Der Fahrer des einzigen Wagens, der uns an diesem Tag begegnen wird, gibt uns den wohl gemeinten Rat. Wir mobilisieren unsere letzten KrĂ€fte, packen die BMW in Rekordzeit auf und versuchen, die letzten Meter Tiefsand zu ĂŒberwinden.
Vor zwei Tagen brachen wir auf, vor uns 140 Kilometer Piste bis nach Xai Xai. Eine Tagesetappe, dachten wir. Tiefe Wasserlöcher und dichtes, dorniges Buschwerk bestimmten das Tempo. Bis Sonnenuntergang zeigte der TageskilometerzĂ€hler nur zurĂŒckgelegte 80 Kilometer. FrĂŒh ging es heute Morgen weiter. Schnell endete die Piste in einer tiefen, sandigen Spur. Nach kurzer Zeit war klar, dass ein Fahren in dieser Spur unmöglich ist. Zu tief, zu weich der Sand, zu dicht das Buschwerk, das stellenweise in die Piste hinein wuchert. Stundenlang haben wir das Motorrad geschoben, immer wieder ausgegraben, es zentimeterweise nach vorne bewegt. Die Götter sind ungnĂ€dig, es regnet mal nicht, dafĂŒr herrschen schwĂŒlheisse 45 Grad. Was das Herz jedes Afrikareisenden höher schlagen lĂ€sst, dem hofften wir heute nicht zu begegnen: Löwen und Elefanten. Ich versuchte jeden Gedanken an sie aus meinem Kopf zu verbannen, wĂ€hrend ich zu Fuß auf der Strecke zurĂŒckblieb und es GĂŒnther gelang, die BMW mal hundert Meter am StĂŒck vorwĂ€rts zu baggern. Weiterfahren oder umkehren – ein Dilemma. Erschöpft, dehydriert und ĂŒberanstrengt lag GĂŒnther mit stark schmerzenden MuskelkrĂ€mpfen im Sand. Ganze zehn Kilometer in sieben Stunden. FĂŒr heute waren wir am Ende, wollten nur noch unser Camp aufbauen. Dann hörten wir den Truck, das einzige Fahrzeug an diesem Tag ...

Xai Xai hĂ€lt fĂŒr uns eine lebende Theatertragödie bereit. Wer den Ort betritt, muss eine Eintritts- bzw. AufenthaltsgebĂŒhr entrichten. Der »Manager« des Ortes, ein Tswana, sucht uns persönlich dafĂŒr auf, nachdem wir zuvor den eindringlichen Rat, uns umgehend bei ihm »vorzustellen«, ignorierten. Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt ... Er kommt, besser, fĂ€hrt vor, mit einem neuen 4x4 der Marke Toyota und will 60 Pula pro Person von uns. Sollten wir ĂŒber Nacht bleiben wollen, kĂ€me noch eine CampinggebĂŒhr dazu. Er verweist uns, nach dem Grund gefragt, auf ein »special agreement« mit der Regierung und deklariert den Ort zu einer Art Nationalpark. Das eingenommene Geld wĂŒrde, nach Abzug aller Kosten, an die Gemeinschaft der hier lebenden San zurĂŒckfliessen. Es soll dazu beitragen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Man legt Wert auf ökologische Nachhaltigkeit. Mit dem Sammeln von MĂŒll haben die San die Möglichkeit, sich ein paar Pula zu verdienen. Was wir sehen, ist viel Elend, Schmutz und Alkohol. Das Business machen andere – Tswana. Um 20 Uhr wird dichtgemacht, dann sind alle so betrunken, dass es nur noch PrĂŒgeleien gibt.
Im Nachbarland Namibia ist man schon professioneller. In so genannten »Living Museums« fĂŒhrt man den Touristen ein BĂŒhnenstĂŒck des traditionellen Lebens mit zu Schauspielern ausgebildeten San auf.

Hektisch springt er auf die Straße, winkt, zwingt uns zum Anhalten unter einem schattigen Baum. Weitere vier Polizisten dösen trĂ€ge im Schatten. Eine Politesse protokolliert hinter einem Tisch, ihrem provisorischen BĂŒro. Die Geschwindigkeitsmesspistole made in Germany behauptet, wir seien zu schnell gefahren, hĂ€tten das Tempolimit von 60 km/h um 25 km/h ĂŒberschritten. GĂŒnther schĂ€umt vor Wut, verlangt Beweise, will ein Foto. Ein Wort ergibt das andere, der Polizist steigert sich in seinen Anschuldigungen: «Behaupten Sie, ich lĂŒge?«– »Ja.« Dann: »Behaupten Sie, ich will Sie ausrauben?« – »Ja« gipfelt in »Behaupten Sie, der PrĂ€sident von Botswana ist ein RĂ€uber?« Schwere Anschuldigungen, die Situation droht zu eskalieren. Auf PrĂ€sidentenbeleidigung steht Zuchthaus. »Are you the President of Botswana?«, fragt GĂŒnther. Sekundenlanges Schweigen, dann lĂ€sst er uns einfach stehen. Wegfahren geht leider nicht, unsere Fahrzeugpapiere befinden sich noch immer in seinem Besitz. Nach einer halben Stunde beschließen wir, die Situation italienisch zu lösen. Wir geben uns einsichtig und bieten ihm die HĂ€lfte dessen, was er von uns gefordert hat. Sein Gesicht strahlt: »I will reduce the speed for you!« Eine Tabelle sieht vor, fĂŒr 300 Pula können wir 69 km/h gefahren sein, Geschwindigkeitsrabatt! Thank you Mr. President, now WE CAN go on.

Text: Rea La Greca


Three-Frontier-Ralley

Windhoek, Oktober 2013

Blitzartig durchdringt ein spitzer Stich mein Gehirn, 9000 Volt explodieren im Kopf und zerstören schneller als ein FlĂŒgelschlag jegliches Bewusstsein. Orientierungslos, aus der Zeit gerissen, erkenne ich in meinen HĂ€nden eine Kette und ein Schloss, sehe in Augenhöhe gerollten Nato-Draht in dem, kaum wahrnehmbar, silbrige DrĂ€hte gespannt, die private Welt von der Aussenwelt Namibias trennen. FĂ€hig wieder zu denken kann ich nachvollziehen, dass meine Stirn, beim Versuch das Tor zu schliessen, den "electric fens" berĂŒhrt haben muss. Ich sichere das Tor, bin dankbar wieder in Afrika zu sein und freue mich, dass mich nur 9000 Volt anstatt 60000 Volt trafen. Denn vor lĂ€ngerer Zeit, wĂ€hrend einer Grill-Party, erfuhr ich von einem deutschen FamilienglĂŒck, dass sich in den HĂŒgeln vor Windhoek, gegenĂŒber dem schwarzen Township "Katatura" niederließ, was hĂ€usliche Geborgenheit bedeutet. Ihre neu erworbene Immobilie wird von hunderten Kilometern Draht eingeschlossen, durch den 60000 Volt 24 Stunden 360 Tage im Jahr fliessen. Eingesperrt und ausgesperrt! Der Gefahr vorbeugend, dass der zweijĂ€hrige Nachwuchs oder die Hunde an dem Zaun verbrennen, wird das Eigenheim durch eine innere, ein Meter hohe Mauer gegen die Hochspannung abgeschirmt. Voller Stolz erklĂ€rte mir der Wahlnamibier, dass ich, sollte ich mit einem Draht in BerĂŒhrung kommen, mit einer dreitĂ€gigen LĂ€hmung und körperlichen FolgeschĂ€den rechnen mĂŒsse.
Zwanzig Stunden verschwendete Lebenszeit, eingesperrt hinter faustdicken Glasscheiben, schob ich mich durch endlose GĂ€nge, an endlosen Einkaufspassagen vorbei, glitt ĂŒber RollbĂ€nder, passierte unzĂ€hlige Pass- und GepĂ€ckkontrollen in den Tempeln der MobilitĂ€t, um zum Sonnenaufgang durch die glĂ€sernen Pforten des Internationalen Flughafens von Windhoek wieder in die Freiheit entlassen zu werden. Auf das Angebot meiner Himba-Reportage antwortet das österreichische Magazin Terra Mater mit Begeisterung und beauftragt mich, gemeinsam mit einem Autor, eine exklusive Geschichte fĂŒr sie zu fotografieren. Diese glĂŒckliche FĂŒgung nutze ich, um mein dringliches Problem mit der sĂŒdafrikanischen Zollbehörde zu lösen, das Motorrad kurzfristig zu exportieren und wieder mit "refreshed papers" nach Namibia zu importieren.
Nach einem unerwartet langen Aufenthalt in Deutschland, wartet seit siebzehn Monaten unsere BMW sicher in Dieters Haus, dem Motorradwerkstattleiter der BMW in Windhoek, uns weiter von Namibia nach Ostafrika zu bringen. Im Juli 2012 erhielt ich vom ADAC, der mir 2010 ein Carnet de Passage ausstellte, die Mitteilung der zweiten Reklamation des sĂŒdafrikanischen Automobilclubs/ AASA, der mich eindringlich auffordert, endlich nachzuweisen, wo sich das Motorrad befinde. Könne ich nicht nachweisen, dass sich die BMW ausserhalb der Zollunion befindet, wĂŒrde der Einfuhrzoll zuzĂŒglich eines Strafzolls fĂ€llig. Nach Zollvorschrift darf sich ein Fahrzeug nur drei Monate zollfrei in der SĂŒdafrikanischen Zollunion (Namibia, Botswana, SĂŒdafrika) aufhalten. Dem Afrikareisenden, der nicht beabsichtigt sein Motorrad zu verkaufen, kann ein "Carnet de Passage" viele Unannehmlichkeiten und Geld im internationalen Grenzverkehr ersparen, wenn er den Zeitraum der zollfreien Einfuhr nicht ĂŒberschreitet. Das Carnet, ein Zollgrenzdokument, durch Format und Gewicht einem Fahndungsbuch Ă€hnlich, souffliert afrikanischen Grenzstuben Respekt, erweckt Vertrauen. HĂ€lt sich jedoch das Motorrad lĂ€nger als die befristete Zeit in einem Vertragsland auf, und zufĂ€llig klebt der Einfuhrbeleg des Carnet an schwitzenden HĂ€nden, oder ein Computer weist einen Zollbeamten auf die ĂŒberschrittene Einfuhrzeit hin, dann tritt der "worst case" ein. Die zustĂ€ndige Zollbehörde stellt eine Nachfrage beim ADAC/MĂŒnchen ĂŒber den Verbleib des Fahrzeugs. Wo ist das Motorrad? Illegal verkauft, verschenkt, vermietet oder verliehen? Einerlei, die LĂ€nder erheben Anspruch auf ihren Einfuhrzoll. Diesen garantiert ihnen das internationale Abkommen mit dem ADAC. VertragsgemĂ€ĂŸ fordert der ADAC das mit einem Ausfuhrstempel abgesegnete Dokument an. Jetzt bleibt dem Tourer nichts mehr, ausser das Motorrad kurzfristig aus dem Land zu fahren. Meine Ansprechpartnerin beim ADAC/MĂŒnchen, Frau Stephanie, konnte ich ĂŒberzeugen, dass die BMW stets in meinem Besitz ist, wir die Reise fortsetzten werden, also die BMW aus der Zollunion ausfĂŒhren, sobald die erforderlichen Voraussetzungen fĂŒr eine Weiterreise bestehen. Auf dieser Vertrauensbasis erhielt ich aus MĂŒnchen weitere drei Anschluss-Carnets und schrieb an die sĂŒdafrikanische Zollbehörde einen "Letter of Grace" und beantragte gleichzeitig eine "substitution". Kein Erfolg versprechender Aktivismus, der aber im Ernstfall BemĂŒhen bescheinigt. Weder Frau Stephanie, noch ich erhielten je eine Antwort aus SĂŒdafrika.
Es ist Oktober 2012, namibischer Sommer. Windhoek stöhnt in der 40 Grad heißen Luft, im Norden steigen die Temperaturen bis zu 50 Grad. Die Erwartungen an den Beginn der kleinen Regenzeit werden nicht erfĂŒllt. Das Land wird von einer unbarmherzigen Sonne beherrscht. TĂ€glich berichtet die Presse von verheerenden Feuern im Norden des Landes. Autos waschen ist verboten, die Pools sollen austrocknen, der englische Rasen verdursten. Nationale Einheit und Einsicht wird erwartet. Nach vier langen Tagen kann ich alle Instandsetzungsarbeiten an der BMW abschliessen. Die modifizierten Packtaschen bieten nun eine grössere Bodenfreiheit, das reparierte IMO ĂŒberwacht wieder zuverlĂ€ssig den Motor, der zugesetzte Benzinpumpenfilter ersetze ich durch einen neuen. Ich wechsele den völlig verschlissenen Hinterradmantel. Die 15-er Übersetzung upgrade ich auf eine 16-er, um bei höherer Durchschnittsgeschwindigkeit einen ruhigeren Motorlauf zu erwirken.
Plötzlich stieben die neugierigen Tankwarte erschreckt auseinander, als sich der von mir eingefĂŒllte Treibstoff grossflĂ€chig ĂŒber den Boden ergießt. Unter dem Fronttank, aus dem Haupttank, aus uneinsichtigen Quellen strömt das Benzin. Erst nach Minuten versiegt der Spritfluß, dessen Ursache ich in spröden, verschlissenen Treibstoff- und ÜberlaufschlĂ€uchen feststellen kann. Aus sicherem Abstand erkundigt sich der Tankwart ĂŒber die Reparatur, als ich Stunden spĂ€ter erneut alle Tanks befĂŒlle. Meine persönliche "Three-Frontier-Ralley" soll nun beginnen, denn in acht Tagen muss ich sechs Grenzposten passieren, in Opuwo die Himba-Reportage recherchieren und ĂŒber viertausend Kilometer zurĂŒcklegen, um pĂŒnktlich den Terra Mater-Autor in Windhoek zu treffen.
Um zehn Uhr, unter einer noch gnĂ€digen Sonne, lenke ich die BMW ĂŒber die angrenzenden HĂŒgel der Hauptstadt Richtung Norden, dem Okavango entgegen, der Grenzfluss zwischen Namibia und Angola. Nach Immanuel Kant ist die Zeit ebenso wie der Raum eine „reine Anschauungsform“ des inneren Sinnes. Sie seien unser Zugang zur Welt, gehörten also zu den subjektiv-menschlichen Bedingungen der Welterkenntnis, in deren Form das menschliche Bewusstsein SinneseindrĂŒcke erlebt. Schnell muss ich Zeit und Raum durchfahren, ohne Zeit fĂŒr intensive SinneseindrĂŒcke und diese in Fotos festzuhalten. Geschwindigkeit ist mein Maßstab.
Landschaft geniesse ich, Menschen interessieren mich. Landschaft fasziniert, in ihrer Schönheit, in ihrer zeitlosen Erhabenheit. Ich reiste durch die Tropen Afrikas, durch die Subtropen, durch ihre Savannen, doch in TrĂ€umen reise ich immer wieder durch die Sahara. Ihre Schönheit liegt in der vollkommenen Reduktion der Form. Sonne und Sand, Hitze, und die KĂ€lte unter den Sternen der Nacht. WĂŒste ist eine Dimension, die keiner erfasst, nur durch den Himmel und den Horizont begrenzt. Ein unwirklicher Ort. Wirklichkeit ist nur Ausgangspunkt, soll niemals Ziel meiner Reisen sein. Afrika ist eine VerfĂŒhrerin, eine unfĂŒgsame Unbekannte, die ungezĂ€hmte Wilde, die mit ihrer verschwenderischen Landschaft und ihren betörenden DĂŒften verlockt, ihren tiefen, rohen KlĂ€ngen verwirrt.
11 Uhr, jetzt sind sie nicht mehr zu ignorieren. Als glĂŒhende DrĂ€hte schweißen sich die Sonnenstrahlen unter die Haut, der 47 Grad heiße Fahrtwind brennt in Augen und NasenschleimhĂ€ute, der fliessende Schweiß trocknet, verkrustet in der Motorradjacke. Eine Fahrt auf der SĂŒdhalbkugel nach Norden, ist immer eine Fahrt gegen die Sonne. Hier gilt, anders als auf der Nordhalbkugel: "Im Osten geht die Sonne auf – im Norden nimmt sie ihren Lauf – im Westen wird sie untergehen – im SĂŒden ist sie nie zu sehen!" In entfernt angrenzenden Bergen, in den zu ihren FĂŒĂŸen sich ausdehnenden Ebenen, ĂŒberall lodern Feuer, steigen dicke RauchsĂ€ulen auf. Die Hitze oder Hitzköpfe haben das Land entfacht. Tief sauge ich den heiß fauchenden Wind in meine Lungen, um die nĂ€chste Rauchbarriere, die sich wie ein dichter Schleier ĂŒber die Fahrbahn legt, zu durchfahren. Immer fĂŒhle ich mich erleichtert nicht geatmet haben zu mĂŒssen, nach dem Tunnel den blauen Himmel zu sehen, dem Asphalt, der wie Quecksilber leuchtet, weiter zu folgen. Zahllose BuschbrĂ€nde bedrohen die Tierwelt, die Nutztiere der Farmer, sowie deren Existenz. In der "Namibischen Deutschen Zeitung" lese ich, wie Rinder und Ziegen in den wĂŒtenden Flammen an Fluchtgattern einen qualvollen Tod erleiden, da Farmer den Tieren die Gatter nicht öffnen konnten. Wilddiebe und Wilderer tauschten die Schlösser der Tore aus, um gegebenenfalls ihren Verfolgern auf der Flucht den Weg zu blockieren. Stoisch rollt die BMW weiter Richtung Nordost. In FĂŒnfminutenpausen stĂ€rke ich mich mit Kaffee und Biltong, entspanne im Schatten der Packtaschen bei einer Zigarette. Auf der B8 verlasse ich Grootfontein und erreiche auf halber Strecke nach Rundu die "Rote Linie". Den VeterinĂ€rzaun, erdacht 1897 nach Ausbruch der Rinderpest und Mitte der 1960-Jahre fertiggestellt, teilt er Namibia in einen Nord- und SĂŒddistrikt. Er soll die Bewegung von Vieh, Fleisch und tierischen Produkten von Norden nach SĂŒden unterbinden, um der Ausbreitung von Seuchen entgegen zu wirken. Bis zum Ende der Apartheit im Jahr 1990 und schon wĂ€hrend der deutschen Kolonialzeit hatte der Zaun jedoch eine weitere Funktion. Der Drahtwall grenzte die im Norden Namibias lebenden StĂ€mme gegen das ansonsten "weiße Namibia" sĂŒdlich der Barriere ab. Bis 1977 durfte kein schwarzer Namibier die Grenze ohne Genehmigung ĂŒberqueren. Noch heute ist er eine Trennlinie zwischen arm und reich, zwischen schwarzen und weißen Farmern. Fleisch ist eines der wichtigsten ExportgĂŒter Namibias in die EU, natĂŒrlich ausschliesslich "SĂŒdfleisch". Der Norden ist vom Wirtschaftskreislauf ausgeschlossen. Ohne Kontrolle am Mururani-Gate setze ich meine Ralley fort. Nur wenige Meter hinter dem Schlagbaum weht mir ein Hauch Schwarzafrika entgegen. Eine unbegrenzte Sicht, keine ZĂ€une, offen liegt das Land vor mir, Ziegen und Rinder taumeln ĂŒber die Strasse. RundhĂŒtten mit Stroh gedeckt stehen verstreut im trockenen Sand, verbunden durch ein Netz getrampelter Pfade, vor denen Feuerstellen qualmen, Hunde und Kinder im Schatten dösen. Noch vor Sonnenaufgang, nach einer bescheidenen Ration Schlaf, verlasse ich mein Camp in Rundu am Okavango und begebe mich auf die nĂ€chste 600 Kilometer-Etappe durch den Caprivi Strip, der im Zuge einer nicht-kolonialen Namensgebung seit dem 8. August 2013 Sambesi genannt wird, zum namibischen Grenzposten Katima Mulilo. Georg Leo von Caprivi, preußischer General und Nachfolger von Otto von Bismark war bemĂŒht, als Reichskanzler des Deutschen Kaiserreiches von 1890 bis 1894, eine Landverbindung zwischen den Kolonien Deutsch-SĂŒdwestafrika und Deutsch-Ostafrika herzustellen. 1890 fĂŒhrten seine Verhandlungen mit Großbritannien zum Helgoland-Sansibar-Vertrag, der dem Deutschen Reich Helgoland und den Caprivi-Streifen, und Großbritannien Sansibar zusprach.
Meine HĂ€nde krampfen vor Anstrengung an der Lenkstange, wĂ€hrend mein Blick unbeirrbar von links nach rechts ĂŒber die Fahrbahn springt und sich in dem gespenstigen GelĂ€nde verliert, immer Ausschau haltend nach fliehendem Wild. Die von starken Winden angefeuerten BuschbrĂ€nde wandelten die Landschaft in eine Schwarzweissszene. StrĂ€ucher sind bis zu den Wurzeln abgebrannt. Von krĂ€ftigen BĂ€umen stehen nur noch kurze lodernde StĂ€mme. Böen peitschen die heiße Asche auf. Das nun schon auf 48 Grad erwĂ€rmte Luftgemisch ist nur schwer zu atmen, ein GefĂŒhl heisse Kohle zu schlucken. Die sonst so vielfĂ€ltige Tierwelt der Sambesi-Region scheint ausgestorben. Ein verwaistes StĂŒck Welt.
Nervös, in einem ausgebrannten erschöpften Körper erreiche ich am spĂ€ten Nachmittag den namibischen Grenzkontrollposten Katima Mulilo am SĂŒdufer des Sambesi. Meine Ängste, dass dem Zollbeamten das Ablaufdatum meines Carnet de Passage, das explizit auf jeder Seite prangert, auffĂ€llt, erweisen sich als nichtig. Nach kurzen dreißig Minuten sind alle AusreiseformalitĂ€ten abgeschlossen und ich rolle lĂ€chelnd mit einem abgestempelten Carnet de Passage auf die Zambezi-BrĂŒcke, Sesheke entgegen, in die FĂ€nge der sambischen BĂŒrokratie.
Nach dem mehr als 500 Kilometer langen Trans-Caprivi-Highway bildet die Zambezi-BrĂŒcke das letzte Glied im Trans-Caprivi-Corridor von Walvis Bay nach Sambia, Tansania und die Demokratische Republik Congo. In einer LĂ€nge von knapp einem Kilometer spannt sie sich in 50 Meter Höhe ĂŒber die Stromschnellen des Sambesi nach Sambia. Sie gilt als eines der schönsten Ingenieurprojekte der letzten Jahrzehnte im sĂŒdlichen Afrika. Von Deutschland geplant und finanziert und in Kooperation mit SĂŒdafrika gebaut, wird sie 2004 dem Verkehr ĂŒbergeben. Die Baukosten zuzĂŒglich der Strassenanbindung in Namibia und in Sambia bis Livingstone, beliefen sich auf 50 Mio. Euro, die zu 96% Deutschland und zu 4% Sambia ĂŒbernahm. Hinter verschlossenen TĂŒren deutscher Ministerien sprach man schon frĂŒhzeitig von einem "non returnable credit", eben einem Kredit, der niemals zurĂŒck gezahlt wird. Am Ende der BrĂŒcke verlasse ich die sĂŒdafrikanische Zollunion und parke meine BMW unweit des sambischen Flaggenmasts auf einem abschĂŒssigen, verwahrlosten Sandplatz, der von Autoschrott, Stacheldraht und Zaunresten eingesĂ€umt wird. Er erinnert an einen Marktplatz, doch ein Schild mit der jedem Zweifel erhabenen Aufschrift "Douane" lĂ€sst die Ungewissheit schwinden am falschen Ort zu sein. Ich sehe ein flaches, kurzes SteingebĂ€ude, daneben ein Wohnwagen aus den sechziger Jahren, schief auf Backsteinen positioniert, in dessen TĂŒr vergnĂŒgt zwei FĂŒsse baumeln. Kinder bieten Fatcakes und buntes Wasser in PlastiktĂŒten an. HalbwĂŒchsige, deren HĂ€nde krampfhaft backsteindicke GeldbĂŒndel umklammern, belagern mich sofort, schreien mir Wechselkurse entgegen. Unbewacht lasse ich meine BMW in der Obhut der Nationalflagge Sambias zurĂŒck und stelle mich vor einer langen Theke auf. Auf meine Frage nach einem dreitĂ€gigen Transitvisum, um kurzfristig das grandiose Naturschauspiel der Victoria Falls zu erleben, bietet mir der Polizeibeamte mit bestimmtem Ton ein dreimonatiges Visum fĂŒr 50 US$ an. Als ich ihm freundlich erklĂ€re, dass ich fĂŒr die Strecke zu den Victoria Falls und wieder zurĂŒck keine drei Monate benötige, sondern nur 10% seiner mir grosszĂŒgig eingerĂ€umten Aufenthaltsdauer, wird sein zweites Angebot ultimativ. Drei Monate fĂŒr 50 US$ oder kein Visum. Ich nehme sein Angebot an. Dreimal muss ich ihm bestĂ€tigen, dass ich gewillt bin die 50 US$ zu zahlen. Das ich zahle, gebe ich mit harscher Stimme unmissverstĂ€ndlich zum Ausdruck. Den Einreisestempel im Pass, schiebe ich dem Zollbeamten mein neues Carnet de Passage mit einer GĂŒltigkeit bis 2/2013 ĂŒber die Theke. Ohne Frage knickt und biegt er das Dokument achtlos durch seine mĂ€chtigen HĂ€nde, öffnet den Umschlag, hĂ€lt das Datum und den Grenzposten fest und rasant, zielgenau aus 50 cm Höhe, knallt der Stempel in seiner Faust auf das Papier. Zumindest hĂ€tte ich die Frage nach dem Ausreisestempel Namibias erwartet, die eine Lawine weiterer Fragen hĂ€tte auslösen können. Nein! Vollbracht! Jetzt sende ich die Carnets als JPGs nach MĂŒnchen und die Reklamation des AASA aus Johannesburg kann zurĂŒckgewiesen werden. Mit höflichen Abschiedsgesten versuche ich mich seiner Aufmerksamkeit zu entziehen. Vergeblich, der Kreuzweg beginnt erst. In einem mit Aktenordnern, Papierstapeln und Computern der ersten Stunde aufgequollenen Zimmer, wirft mir eine stark aus der Form geratene Dame zwei Formulare entgegen, wĂ€hrend ihr Zeigefinger unbeholfen in ein Smartphone hackt, mit der Aufforderung diese auszufĂŒllen und einen Kwacha-Betrag in astronomischer Höhe hinzublĂ€ttern. Eine zweite stemmt ihren Körper aus dem Sessel, winkt einen halbwĂŒchsigen Geldwechsler in den Raum. Ich kann ihren Atmen hören, beobachte wie Schweißtropfen ĂŒber Wangen und Hals perlen und in ihrem Dekoltee versickern. Der "money maker" wechselt und erklĂ€rt mir, dass ich 20 US$ fĂŒr die road tax, zuzĂŒglich einer carbon tax bezahlen muss. Sehr erheiternd zu erfahren, dass auch in Sambia ein Umweltbewusstsein existiert. Eine Abgassteuer und Strassensteuer! WĂ€re ich nicht so erschöpft und zornig, hĂ€tte ich laut gelacht. Gerne hĂ€tte ich den Damen erlĂ€utert, dass diese Strasse vor ihrem Fenster der deutsche Steuerzahler vor Jahren schon zahlte, also auch mir ein Teil dieser Strasse seit geraumer Zeit gehört. An ihrem VerstĂ€ndnis zweifelnd, nehme ich davon Abstand und die TĂŒrklinke in die Hand. Aufatmend zĂŒnde ich mir zuerst eine Zigarette an, will entspannen, nicht belĂ€stigt, nicht mehr abgezockt werden. Afrika kennt keine Gnade! Mit dem Anliegen, ob ich eine Versicherung fĂŒr Sambia hĂ€tte, baut sich ein nettes Rasterlockengirl vor mir auf. Sofort nötigt sie mich, ihr zu dem einsturzgefĂ€hrdeten Wohnwagen zu folgen, in dessen Eingang immer noch die FĂŒsse baumeln. Das VersicherungsbĂŒro. Mit dem Carnet und meinen Papieren bestĂŒckt, schlĂŒpft sie in das Immobil und beginnt meine und die Personalien der BMW in BĂŒcher und Formulare zu ĂŒbertragen. Als Raucher weltweit geĂ€chtet, beobachte ich von draussen jede Bewegung meiner Dokumente durch ein fensterloses Loch in der Wand, mir nicht gewahr, dass der Rauch ins Innere zieht. Aufgeschreckt trete ich zurĂŒck, als sich unerwartet ein Kopf aus dem Fenster reckt, mit dem Appell: "stop smoking, this is a non-smoking country". Mein Rauch muss den, zu den baumelnden FĂŒssen zugehörigen Kopf, aus einem Traum gerissen haben. Ihr Körper liegt immer noch lang ausgestreckt ĂŒber dem Sitzpolster. Ich entschuldige mich, dass ich versehentlich ihr Leben bedrohte und wende mich von ihrem, mit einer PerĂŒcke verzierten Kopf ab. Ihre FĂŒsse hĂ€ngen jetzt reglos im Eingang. Nachdem ich jetzt auch eine Kfz-Versicherung, natĂŒrlich fĂŒr drei Monate, gezahlt habe, fahre ich um 140 US$ erleichtert nach Sesheke. In einem Camp am Sambesi schirme ich mich bis zum Morgengrauen ab.
Die Luft ist rein, als ich von der Strasse, die mich direkt zu den Victoria Falls gefĂŒhrt hĂ€tte, 90 Grad nach SĂŒden in ein schmales, einsam daliegendes Asphaltband abbiege. Nur noch wenige Kilometer, dann werde ich vor der nĂ€chsten gefrĂ€ĂŸigen Truppe korrupter Grenzbeamter Sambias stehen, die keinen Versuch unterlassen werden, mich zu zerpflĂŒcken, bis alle Taschen ihrer Uniformen gefĂŒllt sind, mit meinen US$ und Kwacha. Zwischen der ausgebrannten Landschaft und dem schwarzen Teer schimmert ein dunkler Punkt. Blitzschnell scannen meine Augen, so weit sie zu sehen vermögen, einen Radius um ihn ab, jeden Baum, jeden Strauch, jede ungewöhnliche Erhebung in der Landschaft. Eine Falle? Eine RĂ€uberbande, die mich erlegt, in Sekunden all meine Wertsachen an sich reisst, nur mein Ă€rmliches Leben am Strassenrand zurĂŒck lĂ€sst, um nach erledigtem Auslandsjob ĂŒber die nahegelegene Grenze nach Botswana zu flĂŒchten? Viele Grenzregionen zeichnen sich durch eine Aufsehen erregende KriminalitĂ€tsrate aus. Sie rauben, morden, plĂŒndern. MittelmĂ€ĂŸige Banditen, organisierte Banden und insbesondere Rebellen entziehen sich durch "border jumping" der Kontrolle und ihrer Verfolgung. Ich nĂ€here mich in schleichender Fahrt, der Punkt wird zur Ellipse, gewinnt an SchĂ€rfe, formt sich mit jedem Meter, den ich nĂ€her komme zu einem halbwĂŒchsigen Afrikaner neben einer 250er Honda. Bei laufendem Motor ĂŒberprĂŒfe ich nochmals, dass der Junge mit den hilflosen Augen alleine ist. Keine unserer Sprachen lĂ€sst uns einander verstehen, doch wĂŒrde der Junge am Strassenrand stehen, wenn sein Motorrad liefe? Also stelle ich fest, dass ausreichend Treibstoff in seinem Tank ist, der Motor sich jedoch nicht mit dem Elektrostarter zum Laufen bewegen lĂ€sst. Der Versuch das Motorrad anzuschieben gibt mir Aufschluss ĂŒber das Problem. Er muss im vierten oder vielleicht im fĂŒnften Gang den Motor zum Stillstand gebracht haben, und jede BemĂŒhung eines Neustartes scheiterte. Die Technik dieses Honda-Typs sieht vor, den Motor nur im Leerlauf starten zu können. Ich trete in die Schaltgabel bis die grĂŒne Kontrolllampe leuchtet und starte den Motor per Knopfdruck, als könnte ich Wunder vollbringen. Seine Hilflosigkeit weicht schnell einem glĂŒcklichen Grinsen. Ich halte ihn an, den Motor mehrmals zu starten, was sein Gesicht nun mit Freude erfĂŒllt. Zufrieden, hilfreich gewesen zu sein, sehe ich ihn nach wenigen Metern nur noch schemenhaft in meinem RĂŒckspiegel. Wie lange besitzt man ein Motorrad, um nicht zu wissen, wie es zu starten ist? Habe ich gerade einem Dieb geholfen seine Beute zur Grenze zu bringen? Oder ist die Honda eine Leihgabe seines besten Freundes?
Fragen, die ich schnell vergesse, als ich durch ein rostiges Stahltor, das schief zwischen zwei aufgerissenen Betonpfeilern bewegt wird, dirigiert werde. Uniformierte fragen mit nervösen Bewegungen nach meinen Dokumenten. Ich ignoriere sie und lenke die BMW vorbei an ĂŒberladenen PKWs, aufgescheuchten Personen, durch blaue Dieselwolken der dröhnenden LKWs, direkt neben eine von der Zeit und der Luftfeuchtigkeit des Sambesi angefressene Mauer. Das muss Mambova sein, der "check out point" aus Sambia. Hinter dieser Mauer mĂŒssen die "Dollar-Piranhas" in Uniform sitzen. Ihr Auftrag: die Nation, aber zuerst sich selbst reicher zu machen. Ich zĂŒnde mir eine Zigarette an und beobachte ruhig den aufsteigenden Qualm, vor dem sich Frauen, Kinder und alte MĂ€nner zu bunten Flecken zwischen schwarzen Öllachen lethargisch im Sand gruppieren. Sie warten, hoffen, dass die Geldscheine in ihren PĂ€ssen die GrenzformalitĂ€ten beschleunigen, dem Warten unter der nun brennenden Sonne ein Ende setzen. Ich muss nicht lange warten, dass mich eine Schar fliegender HĂ€ndler einkreist, die mir ihre Dienste und Kontakte, und durch sie eine reibungsarme Abwicklung der GrenzformalitĂ€ten, zu Höchstpreisen anbietet. Ein bescheiden am Rande der Traube stehender Junge erweckt meine Aufmerksamkeit. Unser Augenkontakt besiegelt sofort die Zusammenarbeit. Sams HĂ€nde reichen nun meine Papieren in die HĂ€nde der Polizisten, die fraglos meine Ausreise in den Pass stempeln. Einem Zollbeamten schiebt er meine teuer bezahlten Abgaben- und Versicherungspapiere zu, die dieser, ohne das sein Blick sie berĂŒhrt, abzeichnet und gelangweilt zurĂŒckschiebt. Erleichtert befreien wir uns aus der Menge ins Freie. Die feuchten Papiere kleben fest in meiner Hand, als mir eine raue Stimme unverstĂ€ndliche Worte hinterher wirft. Die Uniform verlangt nach einem Motorraddokument. WĂ€re ich nicht im Besitz dessen, so könne ich nicht ausreisen, macht mir Sam verstĂ€ndlich. "Cash time" denke ich! Mit hochgezogenen Schultern und entschlossenem Blick weise ich auf die abgewickelten GrenzformalitĂ€ten hin. Die roten AugĂ€pfel, die in der Hitze glĂ€nzende Schweißschicht ĂŒber dem Gesicht der Uniform lĂ€sst keine Zweifel aufkommen, dass dieser OrdnungshĂŒter keine Lebenszeit mit mir verschwenden will. Gerne hĂ€tte ich vermieden, die BMW wieder offiziell in die Zollunion einzufĂŒhren, doch das korrekte Prozedere lĂ€ĂŸt keine LĂŒcke, durch die unbemerkt die BMW hĂ€tte schlĂŒpfen können. Direkt fĂŒhle ich mich gelĂ€utert, zaubere das Carnet de Passage hervor, das er auf seinem Oberschenkel abstempelt. AbfĂ€llig wendet er sich von mir ab und ich mich der BMW zu. Sam honoriere ich fĂŒrstlich und komme zur Einsicht, dass die sambischen Grenzbeamten bei der Ausreise keine Piranhas sind, sondern ihrem Unbehagen in diesem lĂ€hmenden Klima arbeiten zu mĂŒssen, Ausdruck verleihen, eben nicht lĂ€cheln, wo es nichts zu lachen gibt. Jedenfalls wenn man ihr Land verlĂ€sst! Eine neuzeitliche FĂ€hre bringt mich, wo der Chobe in den Sambesi mĂŒndet, nach Kasane, in die Grenzstuben
Botswanas. Nach AusfĂŒllen der obligatorischen Zettel, der Entrichtung der Strassensteuer, wird der Reisende freundlich behandelt und findet sich nach einer kaum wahrnehmbaren Zeitspanne wieder auf dem Asphalt. Leider auch hier mit abgestempeltem Carnet de Passage. In ungetrĂŒbter SelbstverstĂ€ndlichkeit wurde nach dem Dokument gefragt. In namibischen Verkehrskontrollen wurde das Carnet nie ĂŒberprĂŒft, jedoch in anderen afrikanischen LĂ€ndern ist nicht auszuschliessen, das der Verkehrspolizist nach ihm verlangt, wie z.B. im Senegal. Die einzige und die kĂŒrzeste Verbindung um von Kasane Namibia zu erreichen, bietet die asphaltierte Strasse zum Ngoma Gate, am nördlichen Rand des Chobe National Park. Nach ordentlicher Registrierung öffnet mir ein Ranger den Schlagbaum, und zu meinem Erstaunen ist erlaubt, mit dem Motorrad an Elefanten- und BĂŒffelherden vorbei zu rauschen, bis ich in paradiesischer Lage, hoch ĂŒber einem bestechend grĂŒnen Tal, in dem bunte KĂŒhe weiden, die namibische Grenze erreiche. Nach nur wenigen Minuten erhalte ich meine Aus- und Einreisestempel und lasse die BMW ĂŒber eine Chobe-BrĂŒcke zurĂŒck nach Katima Mulilo rollen.
Es ist frĂŒher Nachmittag am dritten Tag der Carnet-Ralley. Noch dreihundert Kilometer durch den Strip, dann schlage ich zum Sonnenuntergang an den Popa Falls mein Zelt auf und benachrichtige meinen Dolmetscher in Opuwo, dass wir in zwei Tagen und weiteren Tausend Kilometern unsere Arbeit aufnehmen können. Noch liege ich gut in der Zeit, die RĂ€der radieren monoton ĂŒber den glĂŒhenden Asphalt. Eine Frau am Strassenrand sieht mich an, ein Entsetzen im Blick, und dreht ihren Kopf ruckartig in meine Fahrtrichtung. Intuitiv nehme ich das Gas zurĂŒck, die BMW sackt in die DĂ€mpfer. Nun erschließt sich mir ihr Blick als Warnung. Zwei Esel, mit dem Grau des Asphalts verschmolzen, blockieren wie eine Schranke meine Fahrspur. Vollbremsung und die Geschwindigkeit auf ein Minimum reduziert, fahre ich kurz vor dem Aufprall eine weiche Kurve auf die Gegenfahrbahn, die Esel mit den breiten Packtaschen nur knapp verfehlend. Der Frau dankend, reiße ich meine linke Hand hoch und beschleunige wieder auf die 120 Kilometer Durchschnittsgeschwindigkeit.
Reisen ist die Umkehrung von rasen. Reisen kann verletzen, schmerzen, kann aber auch das Leben durch ein Endorphinfeuerwerk erhellen. Reisen befeuert das Gehirn, Erlebnisse zischen wie Blitze durch den Körper. Keine Zeit fĂŒr Wiederholungen, und das Wiederholte zu wiederholen. Jeder Tag ist Überraschung, eine neue Herausforderung, mit neuen Bildern, neuen Erfahrungen, Meinungen und Sichtweisen. Die Standpunkte anderer Menschen in seine Gedanken einbeziehen, ĂŒberprĂŒfen, vergleichen, lernen. Es ist die Neugierde, seine persönliche Welt zu entdecken, seine eigene Wahrheit zu finden, und ihr Gegenteil, die ebenso wahr ist. Reisen garantiert die höchst mögliche NĂ€he zur Wirklichkeit, seinem und dem Leben anderer nĂ€her zu sein.
In Opuwo parke ich die BMW vor dem Kaokoland Restaurant. Ein Car-Guard fragt, ob ich ihm etwas leihen könne. Yes! antworte ich, frage, was ich ihm leihen könnte? LetÂŽs say 5 N$. (50 cent) Wann ich das Geld zurĂŒck bekomme, frage ich ihn. Next time, when we see us! Wann sehen wir uns wieder? Wenn wir uns sehen! OK! Ich leihe ihm 10 N$ fĂŒr die geistreiche Antwort, fĂŒr die charmante Art zu betteln, fĂŒr das nicht dumpfe Ausstrecken der Hand. DafĂŒr, dass er mich nicht mit "give me" und einem forderndem Blick ansprach, fĂŒr seine wachen, selbstbewussten Augen. FĂŒr den Satz: "Wir mĂŒssen betteln, um zu ĂŒberleben, sorry!" Sie nennen sich Rehobother-Baster, Mischlinge, die einzige traditionelle Gruppierung, die seit der UnabhĂ€ngigkeit Namibias keinen rechtlichen Sonderstatus mehr genießt. Ihre Selbstverwaltung wurde mit der UnabhĂ€ngigkeit des Landes 1990 aufgehoben. Sie unterstĂŒtzten mit Kampftruppen die Deutschen Schutztruppen. Rehoboth, weil er der Name der Hauptstadt ihres Siedlungsgebietes ist, die sie, aus der Kapregion kommend, im Jahr 1871 grĂŒndeten. Baster, weil sie Nachkommen aus Mischehen zwischen Nama-Frauen und burischen Einwanderern der Kapregion sind. Ihre Kultur ist traditionell afrikaans und evangelisch-lutherisch geprĂ€gt. Die Rehoboth-Baster sind Mitglied der "Unrepresented Nations und Peoples Organization. Rehobother Basters gelten als intelligent, sensibel, schlau, geschĂ€ftstĂŒchtig, leicht erregbar und aggressiv. Leider sah ich "Mister Borrow" seitdem nie wieder. Ich hĂ€tte noch 10 N$ fĂŒr ihn.
Bereits in Deutschland las ich, dass die Regenzeit nicht die notwendigen NiederschlĂ€ge brachte, dass die Himba ihre Herden zu den Wassern in die Berge trieben, dass, geschĂ€he kein Wunder, in KĂŒrze die ersten Tiere verenden wĂŒrden. Ihn ausgerĂŒstet mit Helm, Sonnenbrille, Handschuhen und einer BMW-Jacke suchen mein Englisch sprachiger Dolmetscher John, Mitglied einer grossen, angesehenen Himba-Familie, und ich, in den nĂ€chsten drei Tagen mir schon bekannte Himba-Krale auf, um eine Reiseroute fĂŒr die bevorstehende Reportage zu entwickeln. Viele Dörfer finden wir verlassen, können aber die Spuren der Himba zu ihren neuen Kralen verfolgen. Himba-Nomaden leben nur vorĂŒbergehend an einem Ort, in "temporary villages". Die Krale in meinem GPS gespeichert, kann ich nur hoffen, meine Protagonisten der Reportage in einigen Tagen an diesen Koordinaten anzutreffen. Mit John verabrede ich mich in vierzehn Tagen, an der Polizeistation von Orupembe im Kaokoveld. Erleichtert fĂŒlle ich meine Thermoskanne mit starkem, sĂŒĂŸen Kaffee und raffe mich auf, zur letzten 900 Kilometeretappe, zurĂŒck nach Windhoek, wo in zwei Tagen der Terra Mater-Autor auf mich wartet.
Wir gleiten ĂŒber den silbernen Streifen zwischen den in der Sonne funkelnden DrĂ€hten der FarmzĂ€une, vorbei an niedergebranntem Land, zieht uns die Landschaft in sich hinein. Der Motor arbeitet in vollkommener Übereinstimmung, die synchronisierte Bewegung der Kolben, die sich um eine Achse drehenden RĂ€der und ZahnrĂ€der, massiv, koordiniert, nach eigenen Regeln funktionierend, versteckt hinter modernem Maschinendesign, in ausgewogenen Formen und Proportionen. Nur durch die PrĂ€zision der Mechanik können die enormen KrĂ€fte im Innern des Motors gebĂ€ndigt, kann Energie in Bewegung umgesetzt werden. Abrupt bremse ich die Energieentfaltung der BMW und bringe sie vor den prĂŒfenden Augen zweier Polizisten zum stehen. Good afternoon Mister, begrĂŒĂŸen mich zwei blinkende Dollarzeichen! Your Honda is overloaded! No Mister, this is not a Honda, this is a BMW. You know! And a BMW is never overloaded! "Oh yes I see, a BMW! - Then have a safe journey!" ThankÂŽs Mister! Die Reise geht weiter! Seit Oktober 2013 sind wir wieder in Namibia, mit einem Carnet de Passage, das erst 10/2014 ablĂ€uft. Unsere Foto-und Film-Projektreise setzten wir nun fort, zu den Nomaden Ostafrikas.

Text: GĂŒnther Menn


"Mein Herz ist in Afrika"

Ein Augenblick auf Sambia, MĂ€rz 2014

Verloren beleuchtet ein Lichter-Nikolaus in Grootfontain den afrikanischen Abendhimmel. Es weihnachtelt im sĂŒdlichen Afrika, ganz ohne Schnee und Minustemperaturen. In wohlsortierten SupermĂ€rkten liegen europĂ€ische Weihnachtsdekoration inclusive Lebkuchen. Auch das ist Globalisierung.
Uns Menschen ist eigen, wir gewöhnen uns schnell. Und schnell scheint vieles vertraut, bleibt dennoch uns auf seine Weise fremd. Nach insgesamt 16 Monaten und ca. 37.000 km in Namibia und Botswana schließen wir das Thema Himba und San traurig und freudig zugleich ab. Es geht weiter, wir freuen uns auf Neues.
Vertraut waren nicht nur die Menschen, vertraut ist auch der Regen, der uns seit Wochen begleitet, oft tagelang und heftig. Uns immer wieder bremst und blockiert. Die Sonne steht in starker Konkurrenz zum vielen Wasser, sobald sichtbar, dampft sie alles weg. Die kurzen Pausen reichen kaum zum trocknen. Aber, wer sich der Natur, der Welt und ihren Bewohnern ausliefern will, wer davon nicht unberĂŒhrt bleiben möchte, der reist nicht in einer klimatisierten Dose durch die Landschaft, deren Reifendruck per Knopfdruck regulierbar ist. Der lĂ€uft sich lĂ€chelnd Blasen an die FĂŒsse, tritt auf einem Velo sich den Schweiss aus den Poren – oder fĂ€hrt Motorrad. Das garantiert ihm die höchst mögliche NĂ€he zur Wirklichkeit, seinem und dem Leben anderer nĂ€her zu sein. Motorradfahren ist Konzentration, Meditation. Ist Empfinden, FĂŒhlen, ist Freude an der Bewegung zweier RĂ€der, Harmonie resultierend aus Strecke mal Zeit. 4 wheels move your body – 2 wheels move your soul!

Kurz vor Weihnachten setzen wir von Kasane/Botswana mit einer FĂ€hre ĂŒber den Sambesi nach Kasungula/Sambia ĂŒber und erreichen noch am gleichen Abend Livingstone. Benannt nach dem schottischen Missionar und Afrikaforscher David Livingstone, war es bis 1935 die Hauptstadt von Nordrhodesien. Als erster EuropĂ€er erblickte er die VictoriafĂ€lle und beschrieb sie "
als das Schönste, was ich in Afrika je zu Gesicht bekommen habe". Sein Herz hat Afrika nie verlassen. Auf der Suche nach den Nilquellen schwer erkrankt, verstarb er in Chitambo, im heutigen Sambia. Seiner Leidenschaft fĂŒr den Kontinent und dem Ausspruch: "Mein Herz ist in Afrika" Rechnung tragend, wurde es seinem Leichnam entnommen und unter einem Baum begraben.
Die von ihm zu Ehren der damaligen britischen Königin benannten FĂ€lle zĂ€hlen heute als der breiteste durchgehende Wasserfall der Erde zum Weltnaturerbe der UNESCO. Aus der 110 m tiefen Schlucht steigen Wasser-SprĂŒhnebel in bis zu 300 m Höhe empor und sind noch 30 km entfernt zu sehen. Auf der schnellen Durchreise wollen auch wir einen Blick auf den "Donnernden Rauch" – Mosi oa Tunya, wie die FĂ€lle von den Einheimischen genannt werden, werfen. Ein leises Reißen und Krachen – gestört von unserem Aufwachen verschwinden sie in den GerĂ€uschen der Nacht. Mit ihnen unsere Tanktaschen, feinsĂ€uberlich abgetrennt, mit allen (der Gewichtsverteilung wegen schweren) wichtigen Ersatzteilen wie Kette, Kettenrad und Ritzel, vier ErsatzschlĂ€uche, Ersatzschrauben etc.. PLUS 6 x 2l Wasserflaschen (zu unserer Schadenfreude) alle randvoll. An diesen Taschen trugen sie schwer! Das Zelt vorne und hinten bereits mit Rasierklingen aufgeschlitzt, zu mehr kamen sie nicht. FĂŒr uns jedoch das wichtigste, wir blieben unversehrt. Weder erschossen, noch durch Pangas (Macheten) verletzt. FĂ€lle, die wir aus ErzĂ€hlungen kennen.
Der Chamm bleibt leider wirkungslos. Noch am selben Tag soll er uns alles Gestohlene zurĂŒckzubringen. Eigens dafĂŒr, erzĂ€hlt man uns, wurde am Morgen Sand aus den FußabdrĂŒcken der Diebe entnommen. Ein Zauber wurde gemacht. Religion und Aberglaube sind in Sambia tief verwurzelt. Geister und DĂ€monen, Satanismus und Witchcraft bestimmen das tĂ€gliche Leben der Menschen hier. Die KĂŒnste der Traditionale Doctors sind vielfĂ€ltig, decken fast alle Bereiche des tĂ€glichen Lebens ab. Auch unser Problem finden wir auf einem Werbeplakat unter Punkt Nr. 39 berĂŒcksichtigt: Bring stolen things back. Kurz liebĂ€ugeln wir mit der Möglichkeit. Als rational denkende Muzungus (Weiße) entscheiden wir uns doch fĂŒr DHL.
Weihnachten und Neujahr jedoch sind ein schlechter Zeitpunkt fĂŒr eilige Bestellungen. Endlich erreicht uns Mitte Januar das ersehnte Paket, nur leider bereits geöffnet, vom Zoll in Lusaka. Unterwegs nach Livingstone gingen alle ErsatzschlĂ€uche fĂŒr das Vorderrad verloren, die hat wohl jemand anderes gebraucht. Chamm! Nochmals von vorne. Nach ĂŒber acht Wochen, dann sind alle Teile beieinander. Vielleicht hĂ€tte der Doctor doch schneller gearbeitet? Oder hat der Chamm seine Wirkung nur verlagert? Der weihnachtliche Kurzbesuch eines deutschen, Afrika durchreisenden Paares bringt neue Packtaschen und Schuhe. Der Manager der Lodge ist ĂŒber die Maßen freundlich und hilfsbereit, lĂ€dt uns dazu ein, unentgeltlich in einem der ZelthĂ€user zu logieren. Und von Touratech und Metzeler aus Deutschland erhalten wir Ersatzteile, Reifen und den bestmöglichen Support.

Die gestohlene Zeit indes nutzen wir zum Sammeln von Bildern und Geschichten, die auch hier auf uns warten, erzĂ€hlt werden wollen. Uns auf FahrrĂ€dern, bis weit ĂŒber die Grenze des Vorstellbaren beladenen, entgegenkommen. Sie leben am Ende des Asphalts. Hier beginnen die Compounds, an den RĂ€ndern der Touristenhauptstadt Sambias. Nacht fĂŒr Nacht schmuggeln sie Maismehl und Kohle in das benachbarte Simbabwe, dort wird bis heute gehungert. Im Gegenzug werden illegal Zucker und legal Speiseöl, Seife und Sirupflaschen nach Sambia transportiert. Bis zu 250 kg auf maroden RĂ€dern in desolatem Zustand, ohne Bremsen, oft nur notdĂŒrftig zusammen geschweißt. Mit von Hand genĂ€hten MĂ€ntel und durchlöcherten SchlĂ€uchen. Mehr schiebend als fahrend werden die ca. 25 km bis zur Grenze zurĂŒckgelegt. Die Strecke gleicht einem Parcour aus Hindernissen, Gefahren und unzĂ€hligen breakdowns. At zero two hours ist Start im Compound. In vollkommener Dunkelheit balancieren sie ihre ĂŒberdimensionierte Fracht auf zwei RĂ€dern vorbei an riesigen Schlaglöchern, jetzt, wĂ€hrend der Regenzeit, ein Meer aus Wasser und Schlamm. Auf dem Asphalt beginnt dann der gefĂ€hrliche Part. Der fĂŒhrt durch den Mosi oa Tunya Nationalpark vorbei an WasserbĂŒffeln, Hipos und Elefanten, mit dem Risiko, jederzeit deren aggressiver Angriffslust hilflos ausgeliefert zu sein. ZusammenstĂ¶ĂŸe, die meist tödlich enden. Weit grĂ¶ĂŸer aber ist die Furcht vor einer anderen Spezies: den human beings. Vor rĂŒcksichtslosen LKW- und betrunkenen Taxifahrern tagsĂŒber und, mit beginnender DĂ€mmerung, vor bewaffneten Banden. Der Hunger nach schnellem Geld ist groß und ein Menschenleben gilt auch hier nicht viel. Nephas hatte GlĂŒck. Er konnte fliehen, nur leicht verletzt nach einem Angriff mit Macheten und Axt. Seine Existenzgrundlage: sein Fahrrad, seine Ware und Geld hat er dabei verloren.
An der Victoria Falls Bridge, Nadelöhr und einzige Verbindung in der weiteren Region nach Simbabwe, passieren sie unter den wachsamen, gierigen Augen der zu bestechenden Soldaten die Grenze. Kann nicht bezahlt werden, verlieren sie ihre Waren und FahrrÀder an die korrupten Zöllner und Beamte. Dies droht auch in Simbabwe, obwohl dort offiziell Einfuhrzoll entrichtet wird. Zu sehr hat man sich hier bereits an das lukrative GeschÀft mit Verhaftungen gewöhnt.
BrĂŒcken verbinden, wussten bereits auch die EnglĂ€nder. Auf der von den ehemaligen Kolonialherren 1904 fertig gestellten Victoria Falls Bridge kreuzen sich, meist unbemerkt voneinander, die Wege der Schmuggler und Touristen. WasserfĂ€lle, BrĂŒcke und das seit geraumer Zeit angebotene Bungee Jumping locken tĂ€glich hunderte von Besuchern an. Der Jump ins Niemandsland zwischen Sambia und Simbabwe wird als einer der besten in der Welt gepriesen. 135 US Dollar kostet der Sprung in die Tiefe, 175 US Dollar ein Dreierpaket. An guten Tagen zĂ€hlt man ĂŒber 120 Jumper. Erweitern lĂ€sst sich das Angebot um BrĂŒckenwanderungen, Elefantenreiten, SpaziergĂ€nge mit Löwen im Sonnenuntergang und vieles mehr. An den Wochenenden und ĂŒber die Feiertage wird der Luftraum ĂŒber Livingstone zur Kriegs- und Kampfflugzone. Mit Sonnenaufgang steigen die Helikopter und die Microlights, fliegen die Touristen im Halbstundentakt an die Vicfalls-Front.
Vorbei an dieser Event-Palette radeln tĂ€glich die Jungs aus den Compounds. Ihnen winkt am Ende des Tages als Lohn das nackte Überleben. In harter WĂ€hrung zwischen 2 und 10 US Dollar, wenn alles gut lĂ€uft.
Ab MĂ€rz versiegt fĂŒr viele der Fahrer auch diese Einnahmequelle. Zum Ende der Regenzeit kehren die Elefanten zurĂŒck in den Park. Das Risiko wird dann unkalkulierbar, der Lohn der Angst zu niedrig.

Das mit den korrupten Grenzsoldaten nicht zu spaßen ist, erfahren wir auf einem unserer zahlreichen BrĂŒckenbesuche. Nachts begleiten wir die Schmuggler auf ihrem Weg am Bahngleis entlang zur BrĂŒcke. Was wir nicht wissen: die Wachhabenden sehen uns, verstecken sich vor unseren Kameras. Sehr zur Freude und Belustigung der Fahrradfahrer. Vom Schock unserer nĂ€chtlichen Anwesenheit erholt, gehen die Soldaten am morgen in die Offensive. Ein Soldat kontrolliert GĂŒnthers Papiere, verdĂ€chtigt uns der Spionage. Wir wĂŒrden, anders als andere Touristen, mit den Menschen reden, wird uns vorgeworfen! Zu viel steht fĂŒr sie auf dem Spiel und zu hoch ist ihr tĂ€glicher und nĂ€chtlicher Profit auf der BrĂŒcke. Was uns schĂŒtzt ist sicherlich die Tatsache, dass der BrĂŒcken-Tourismus fĂŒr Sambia eine wichtige Einnahmequelle darstellt. So bleibt es bei DrohgebĂ€rden, EinschĂŒchterungsversuchen und einem warnenden: "I keep you in my eys". Was der Soldat nicht weiß ist, dass GĂŒnther ihn lĂ€ngst auf seiner Netzhaut hatte. Er, bereits umgewandelt als RAW, auf einer Speicherkarte weilt. Wir beobachteten ihn, wie er die Waren eines HĂ€ndlers in Zahlungsnot zunĂ€chst eigenhĂ€ndig StĂŒck fĂŒr StĂŒck in den Sambesi warf. Um Macht und Ohnmacht noch zu verstĂ€rken, zwang er den vor ihm Knienden den Akt der Vernichtung seiner Existensgrundlage selbst zu vollenden.

Auf der BrĂŒcke lernen wir auch Patrick und Julius aus Simbabwe kennen. Sie regulieren hier den immensen Transitverkehr, denn tĂ€glich ĂŒberrollen hunderte von LKWÂŽs die stĂ€hlerne Konstruktion. PĂŒnktlich ab 6 Uhr, jeden morgen. UnpĂŒnktlich und nachlĂ€ssig ist nur die Zahlungsmoral ihres Arbeitgebers, der simbabwischen Regierung. Über 4 Monate warten sie nun schon auf ihr Gehalt, ob es ĂŒberhaupt gezahlt wird, ist ungewiss. Das Land ist derart verarmt, die Inflationsrate so hoch, dass man sich gezwungen sah, die eigene WĂ€hrung durch US Dollar als Zahlungsmittel zu ersetzen. Der seit der UnabhĂ€ngigkeit vor 34 Jahren amtierende PrĂ€sident Robert Mugabe zĂ€hlt zu den reichsten MĂ€nnern der Welt mit einem Hang fĂŒr ausschweifende Feste. FĂŒr seinen 86. Geburtstag soll er mehr als 500.000 US Dollar nur fĂŒr Champagner und Kaviar ausgegeben haben, fĂŒr die Hochzeitsparty seiner Tochter vor wenigen Monaten mehr als 5 Millionen US Dollar. Autokratisch und diktatorisch regiert er sein Land, hat aber sein Geld, und sicherlich auch das seinen Landsleuten zugedachte, fĂŒr sich gewinnbringend im Ausland deponiert. Entwickelt wird dort nur das eigene Vermögen, Wachstum findet nur auf seinen eigenen Konten statt.
Auch in Sambia hat sich seit der Wahl des neuen PrÀsidenten Sata in 2012 die allgemeine Situation des Landes nicht verbessert, wird eher stetig schlechter. Das Land zÀhlt noch immer zu den Àrmsten der Welt, Korruption bestimmt das tÀgliche Leben, ist allgegenwÀrtig. Ausgebaut wurde lediglich die Arbeit der Geheimpolizei, gewachsen ist ein Heer von Spitzeln. Nach Amtsantritt Ànderte der HoffnungstrÀger Sambias die Gesetze zum Export von Mais. Die fahrradfahrenden HÀndler wurden illegalisiert, denn seither ist es nahezu unmöglich, ein Permit zur legalen Ausfuhr von Maismehl zu erhalten. Das GeschÀft ist somit der Regierung vorbehalten. TÀglich donnern die mit MaismehlsÀcken beladenen LKWŽs auf ihrer Strecke nach Simbabwe an den Fahrradfahrern vorbei.

Die Aidsinfektionsrate ist in Livingstone 4x höher als im restlichen Sambia; das Land hat mit die höchste in Afrika und die meisten Aidswaisen. Die Lebenserwartung liegt bei ca. 38 Jahren. Der Watchman vor Spar arbeitet tĂ€glich 12 Stunden und erhĂ€lt dafĂŒr 10 Kwacha, umgerechnet ca. 2 US Dollar. Die Lebensmittelpreise im Supermarkt dagegen sind sehr europĂ€isch. Ein Blick in den Steinbruch katapultiert uns ins Mittelalter. An einen der Compounds angrenzend, bröckelt dieser dort ab, wird nach und nach abgetragen. Hier organisieren sich die Armen selbst. Fast selbst, denn immer gibt es einen, der nochmals profitiert. Sie brechen FelswĂ€nde und -brocken ab, zerkleinern diese zu Schotter. Von Hand, mit Eisen und HĂ€mmern, MĂ€nner, Frauen, Kinder jeden Alters. Alttestamentarischer Vorhof zur Hölle.
Unser Vorhaben, im Steinbruch zu fotografieren und zu filmen, mĂŒssen wir erst einem Komitee vortragen. Leicht auszumachen, an wen wir uns wenden mĂŒssen, denn unschwer sind seine Mitglieder an Form und Aufenthaltsort erkennbar. Ausladende, ĂŒberernĂ€hrte Körper unter schattigen DĂ€chern. Sie verwalten den Steinbruch, verwalten die Armut, Schweiß und Staub. Verwalten das Land, das niemandem gehört, eigentlich allen gehört. Regierungsland. Sie sind ZwischenhĂ€ndler, die Schubkarrenladungen ein-, und gewinnbringend, LKW-weise verkaufen. Sie wollen, dass wir supporten, ein Eintrittsgeld entrichten. Das, wie uns versichert wird, unter allen Arbeitern aufgeteilt werden soll. Ein guter Vorsatz, zu mehr hat es nicht gereicht, wie so oft. Wegen heftigem Regen beginnen wir erst zwei Tage spĂ€ter mit unserer Arbeit. Unmut, Zorn und Ablehnung schlĂ€gt uns unverhohlen entgegen. Das Geld wurde nicht geteilt, das afrikanische Problem auf uns verlagert. Ein wĂŒtender Mob formiert sich, umringt uns. Das Komitee hat sich, trotz LeibesfĂŒlle, aufgelöst. Nur mit MĂŒhe und der Hilfe unseres Dolmetschers Moses können wir die Situation schlichten.

Die VerhĂ€ltnisse auf diesem Kontinent, die Menschen und ihre Umgehensweise damit, binden unsere Gedanken. Auch unsere Herzen schlagen, wie das des Forschers Livingstone, fĂŒr Afrika. Aber immer wieder wird uns bewusst, wie schwer es fĂ€llt, diese Kultur auch nur annĂ€hernd zu verstehen. Wir ĂŒben uns in tĂ€glicher Gedankenakrobatik ĂŒber Kultur und Misere in Afrika. Es macht Freude, mit den Menschen zu sprechen, es ist schwer, wieder zu gehen mit dem Wissen ĂŒber die großen Hoffnungen, die insgeheim und offen in uns gesetzt werden, weil wir Weiß sind. Weil Weiße immer reich sind und Muzungus immer helfen, sprich bezahlen.

Sambia ist das Land, dass der F800 die ihr gebĂŒhrende Bewunderung und den verdienten Respekt zollt. Wie bereits in Namibia und SĂŒdafrika bilden sich, ĂŒberall dort, wo wir erscheinen, in Bruchteilen von Sekunden aufgeregte Menschentrauben. Nur dieses Mal gilt die Begeisterung nicht uns, sondern eindeutig dem Motorrad. "Big Honda" wird andĂ€chtig geraunt oder fast ehrfĂŒrchtig: "This is a Honda Bi-Ă€M-dabbelju". "Honda" lernen wir, ist in Sambia das Synonym fĂŒr Motorrad. Lang gereckte HĂ€lse, der erste Blick gilt meist dem Tacho, gefolgt von einem immer gleichen Ritual: unglĂ€ubig und aufgeregt hallt ein "TWOFOURTY" durch die Menge. "TWOFOURTY" ist der SchlĂŒssel zu den Herzen der Sambier. Zumindest zu den MĂ€nnerherzen. Unsere BMW F800 GS lĂ€sst ihre Herzen höher schlagen, oder schneller: auf 240 km/h – TWOFOURTY!
Aber auch unser Dank, unsere Bewunderung ist ihr sicher. Denn nach wie vor ist sie ein treues GefĂ€hrt, zuverlĂ€ssig bis heute. Nach fast 43.000 gefahrenen km in Afrika hatte sie noch keine wirklich ernsthaften Erkrankungen. Unsere Arbeiten an ihr beschrĂ€nken sich auf Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten, die zwangslĂ€ufig durch den Verschleiß bedingt sind.

In Lusaka weilen wir auf einer Mission der Weißen VĂ€ter, gelegen mitten in einem der Compounds um das Zentrum der Hauptstadt herum. Besuchen Father B., einen Freund von GĂŒnther. Vor Jahren lernte er ihn kennen auf einer Reportage ĂŒber Satanismus. Und freuen uns an dem wasserdichten Wellblechdach, dass uns vor den tĂ€glichen, starken RegengĂŒssen beschĂŒtzt.
Eine Eisenbahnstrecke fĂŒhrt durch Misisi, teilt den Compound in rechts und links vom Bahngleis, in Sonnen- und Schattenseite. Die Wege auch hier eine aufgerissene Kraterlandschaft, riesige, tiefe Seen dazwischen Inseln aus Schlamm und MĂŒll. Wir haben GlĂŒck. Es gibt einen Trampelpfad an den Gleisen entlang. FĂŒr uns die einzige Möglichkeit mit der F800 in und aus dem ĂŒberfluteten Compound zu gelangen, wĂ€hrend der Regen weiter die Krater fĂŒllt. GnĂ€dig Abfall und Gestank unter einer schmutzigbraunen WasseroberflĂ€che verhĂŒllt.
Die Mission ist ein schöner, friedlicher Ort. Hier gibt es Hoffnung, auch fĂŒr einige Straßenkinder. Das "Home of Hope" kĂŒmmert sich um sie, soweit die Gelder reichen. Spendet Trost, Obhut und Essen, kĂŒmmert sich um Bildung, und nach Möglichkeit, um eine RĂŒckfĂŒhrung in die Familien. Die Strassen Lusakas scheinen voll von bettelnden oder peasjobs verrichtender Kinder. Wirklich obdachlos sind jedoch nur wenige hundert von ihnen. Den anderen bietet die Strasse eine der wenigen Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Birgt aber auch die Gefahr, komplett abzurutschen, sich im billigen Rausch der aus Plastikflaschen geschnĂŒffelten Lösungsmittel-DĂ€mpfe zu verlieren. 50 Ngwe (1/2 Kwacha) fĂŒr eine Verschlusskappe voll Flucht aus der hĂ€sslichen RealitĂ€t der Strasse, wirksam fĂŒr mehrere Stunden. An manchen Abenden schrillt lautes Schreien, Wimmern und Stöhnen durchs Paradies, gemischt mit dem GerĂ€usch dumpfer SchlĂ€ge. Es kommt von den HĂ€ftlingen der hinter der Missionsmauer befindlichen Polizeistation. Dort wird "intensiv befragt". Die Wachstation, ein Provisorium bestehend aus zwei Containern. Das neue PolizeigebĂ€ude wartet seit einiger Zeit bezugsfertig jenseits des Bahngleises, im Schattenreich. Die OrdnungshĂŒter ziehen es allerdings vor, weiterhin die Container zu bewohnen. Sie fĂŒrchten um ihre Sicherheit im neuen Heim. Die Angst scheint berechtigt, starb doch wenige Tage vor unserem Eintreffen ein Inhaftierter an den Folgen seiner Befragung. Der 23jĂ€hrige wurde beschuldigt, ein Handy gestohlen zu haben. Auf Blasphemie steht Todesstrafe in einem Land, dessen Einwohner alle mit mindestens zwei, eher drei Telefonen ausgestattet sind. In dem Mobilfunkanbieter als neue Messiasse ihre Wahrheiten von Werbeplakaten predigen, das Smartphone die Bibel des neuen Zeitalters ist. Telekommunikation scheint der einzige Sektor, auf dem sich Afrika explosionsartig entwickelt hat, im Gegensatz zu jeglicher anderen Entwicklung, die stagniert und meist gar rĂŒcklĂ€ufig ist.
Unterschwellig brodelt die Gewalt auch in den Menschen der Compounds, bereit sich beim geringsten Anlass zu entfesseln. Ein vermeintlicher Dieb wurde von den aufgebrachten Massen in Selbstjustiz zu Tode gesteinigt. Die Staatsgewalt hier machtlos, betritt den Compound nicht. Die Hilfe eines Fernsehteams beschrĂ€nkte sich auf die Übertragung der Hinrichtung.
Es gibt so viele EindrĂŒcke und Geschichten, Einblick in so viele verschiedene Leben, die uns unterwegs begegnen. Auch wenn es oft keine schönen sind, so relativieren sie doch das eigene Leben.

Vier Asphaltstrassen bilden zur Zeit die Hauptschlagadern Sambias, ĂŒber die unablĂ€ssig ein nicht abreißend wollender Strom an LKW-Verkehr pulsiert. Sie verbinden West und Ost, SĂŒd und Nord miteinander. So ist Kairo Road, die mitten durch Lusaka fĂŒhrende Hauptstrasse, Teil eines interkontinentalen Straßenprojektes. Über 10.228 km zieht sich der Kairo-Gaborone-(Kapstadt)-Highway. Er war die erste von insgesamt 9 Strecken, bereits Ende des 19. Jahrhunderts geplant und angelehnt an den unvollendeten kolonialen Traum Cecil Rhodes, die Besitzungen des Britischen Empires mit einer durchgehenden Eisenbahnverbindung von Kapstadt nach Kairo zu durchziehen. Aber, wie bereits schon unter den ehemaligen KolonialmĂ€chten, werden von den heute unabhĂ€ngigen Staaten Afrikas die Grenzen eher betont. Kriege und Konflikte behindern und viele Abschnitte des Netzes sind noch nicht fertiggestellt. So bleibt auch dieser Wunsch nach einem vereinten Afrika, nach einer Linderung der Armut durch Entwicklung von Infrastruktur und Handelsstraßennetzen vorerst nur ein Traum.
Ihren eigenen Traum von Infrastruktur und Straßennetzen verwirklichen sich derzeit die Chinesen, die uns ĂŒberall im Land begegnen. Wir fahren vorbei an KrankenhĂ€usern, Schulen, Hotels mit chinesischen Schriftzeichen. Der Straßenbau ist fest in ihrer Hand. Besser, unter ihrer Kontrolle. Neue Formen des Kolonialismus in Afrika? Der Grundstein hierfĂŒr wurde vor vielen Jahren gelegt. Die ehemals gewĂ€hrte Hilfe zu Zeiten der UnabhĂ€ngigkeitsbewegung in Afrika öffnet heute Tor und TĂŒr. Diese Straßen zumindest werden fertig gestellt. Ähnliche Projekte, die an einheimische, sprich schwarze Firmen vergeben wurden, waren nicht nur erheblich kostenintensiver. Sie verliefen sich am Ende buchstĂ€blich im Sand, blieben ohne befahrbares Ergebnis.

So gelangen wir ĂŒber die bereits 1964, zu Zeiten des Kommunismus in Sambia, von den Chinesen erbaute Mukuku BrĂŒcke, auch chinese Bridge genannt, dorthin, "wo das Wasser den Himmel trifft", Bangweulu sagen die Einheimischen. Hier auf dem nordsambischen Plateau bilden die Bangweulu SĂŒmpfe gemeinsam mit dem gleichnamigen See das grosse Bangweulubassin. Je nach Wasserstand betrĂ€gt die SeegrĂ¶ĂŸe zwischen 4.500 bis 10.000 Quadratkilometer, wodurch sich die Uferlinie um bis zu 45 km verschieben kann. Wasserwege sind die einzigen Transportrouten. Was uns lockt ist nicht der Artenreichtum der hier lebenden Vogel- und Tierarten, dessen Vielfalt die des Okavango-Deltas in Botswana ĂŒbertreffen soll. Unser Thema sind nach wie vor Menschen. Hier sollen noch Sumpfnomaden leben. Unsere Zeit jedoch reicht nur fĂŒr eine kurze Recherche, unsere Visa laufen demnĂ€chst ab. Eine Tierart erweckt aber dennoch unsere Aufmerksamkeit. Von ihr hatte uns Father B., der viele Jahre in den SĂŒmpfen verbrachte, bereits in Lusaka erzĂ€hlt. Auch ihn beschĂ€ftigt das Thema seit Jahren, ist Bestandteil seiner tĂ€glichen Arbeit. Artifical Crocodiles. Chamm flackert auf, dumpfes Getrommel aus dem dunklen Herzen Afrikas. Wer auf die Schnelle reich werden möchte, erkauft sich die KĂŒnste eines Witchdoctors und den entsprechenden Zaubertrank. Mit diesem erlangt man die Gestalt eines Krokodils und fischt nach Menschen. Verkauft deren Organe gewinnbringend an die Inder. Wieso Inder? "Because they know, where to sell it!" FĂŒr uns eine lustige Geschichte mit einem aber fĂŒr Sambia ernsten Hintergrund. Denn nichts geschieht hier zufĂ€llig. FĂŒr alles gibt es einen Grund, gibt es einen Verantwortlichen, wird jemand zur Rechenschaft gezogen, oft folgenschwer. Kein Missgeschick, Unfall, UnglĂŒck, kein Tod, sei er noch so natĂŒrlich oder plausibel, bleibt ungesĂŒhnt. Auch hier arbeiten die Doctoren gut, ein Schuldiger ist schnell gefunden. Neid und Missgunst helfen bei der Auswahl. Es bleibt allein die Möglichkeit, sich frei zu kaufen. Sonst droht gesellschaftliche Ächtung, gesellschaftlicher Tod bis hin zu echtem.

Mpulungu, ein kleiner Ort an der SĂŒdspitze des Lake Tanganyika, ist vorerst unsere letzte Station in Sambia. Hier warten wir auf die Liemba, das Ă€lteste noch in Betrieb befindliche deutsche Dampfschiff aus dem ersten Weltkrieg. Es stellt bis heute noch immer das wichtigste und sicherste Transportmittel in der See-Region dar. Mit ihr wollen wir ĂŒbersetzen nach Tansania, weiter auf unserem Weg zu den Nomaden Zentral-Tansanias, Nord-Kenias und in die Danakil-Depression Äthiopiens. Heute soll sie kommen, laut Fahrplan. Vielleicht. Oder morgen, am Samstag. Wahrscheinlich. Wann genau, fragen wir. "DonÂŽt worry, the Liemba will come at anytime." African Time.

Text: Rea La Greca


100 Jahre Gegenwart

Eine Zeit-Reise durch Tansania, September 2014

Sie kam doch am Freitag und nicht am Samstag. Fast zumindest. Nicht an diesem Freitag und auch nicht an jenem davor. Aber was sind schon drei Wochen im Leben einer HundertjĂ€hrigen? – die Zeiten deutscher PĂŒnktlichkeit des ehemals kaiserlichen Dampfschiffs Goetzen jedenfalls sind lange vorbei, heute ist Liemba-Time!

In 5.000 Kisten kam sie nach Afrika, feinsĂ€uberlich verpackt und exakt nummeriert verließ sie Ende 1913 die Meyer-Werft in Papenburg. Per Schiff gingÂŽs von Hamburg nach Dar es Salaam, dem Verwaltungssitz des damaligen Deutsch-Ostafrikas. Und mit der gerade fertig gestellten Mittellandbahn landeinwĂ€rts weiter an ihren Bestimmungsort, dem Tanganjika-See. Dort verhalfen ihr drei deutsche Schiffsbauer und rund 250 einheimische Arbeiter binnen eines Jahres zurĂŒck zu ihrer stattlichen Gestalt. 1.200 Tonnen Stahl in Form eines 70 Meter langen und 10 Meter breiten Passagier- und Frachtschiffes sollten an den Grenzen des kolonialen Reiches ein Zeichen deutscher Macht setzen. Am 5. Februar 1915 schwamm das Schiff zum ersten Mal im Wasser. Nur ein Jahr spĂ€ter versenkte Schiffsbaumeister RĂŒter sie von eigener Hand. Deutschland befand sich mit der Welt im Krieg und die Goetzen sollte nicht in die HĂ€nde des Feindes gelangen. Zwei Weltkriege hat sie ĂŒberstanden und gut 9 Jahre auf dem Grund des Sees verbracht. Denn kaum von den Belgiern gehoben, versank sie erneut bei einem schweren Sturm im Hafenbecken. In den 1970 Jahren knapp der Verschrottung entronnen, befĂ€hrt sie bis heute unter dem Namen „MS Liemba“ den 673 Kilometer langen Lake Tanganyika. FĂŒr die Menschen hier ist sie die wichtigste, oft einzige und bezahlbare Verkehrsverbindung.
„Tomorrow morning“ vertröst man uns, nachdem wir heute schon zum dritten mal vorbeigekommen sind, und versichert uns gleichzeitig, dass sie IMMER erst samstags kommt – sollte sie nicht doch schon, laut Fahrplan, am Freitag eintreffen! Samstag frĂŒh um 7 Uhr stehen wir also erneut voll beladen und bepackt vor dem stĂ€hlernen Eingangstor zum HafengelĂ€nde. Obwohl seit dem letzten „morgen frĂŒh kommt sie ganz sicher“ keine 24 Stunden vergangen sind, scheint unser Erscheinen Verwunderung und leichtes UnverstĂ€ndnis auszulösen. Denn hier weiß bereits jeder, was auch uns wenige Augenblicke spĂ€ter mitgeteilt wird: die Liemba kommt heute nicht! Kann nicht. Technische Probleme, „something with the engine“ oder Wartungsarbeiten, man weiß es nicht so genau. Erst vor wenigen Stunden hat man sich aus Tansania dazu bequemt, die Hafenauthorethy im sambischen Mpulungu darĂŒber zu informieren, dass die Liemba den Heimathafen nicht verlassen hat. Laut Fahrplan sollte sie bereits seit zwei Tagen auf dem Lake Tanganyika unterwegs sein, denn mittwochnachmittags verlĂ€sst sie den Hafen KigomaÂŽs. SpĂ€testens! FrĂŒhestens? IMMER! Wir sind fassungslos. Vielleicht ein MissverstĂ€ndnis? Jemand hat sich am Telefon verhört? Ein VerstĂ€ndigungsproblem? Wir stellen unsere und die Englischkenntnisse aller Beteiligten in Frage. Sicherheitshalber wird bei jedem Uniform- oder Attribut “VertrauenswĂŒrdig“-TrĂ€ger nachgehakt. Hoffen und Vertrauen erweisen sich leider als vergebens, aber: „DonÂŽt worry!“ Stoisch lĂ€chelnd versichert man uns: „She will come next week. For sure!“ Und was, unsere BefĂŒrchtung, sollte sie dann erneut aussetzen, diesmal fahrplanmĂ€ĂŸig? Denn die alte Dame verlĂ€sst seit einiger Zeit nur noch an geraden Kalender-Wochen ihren Heimathafen. Oder sich die Wartungsarbeiten in die LĂ€nge ziehen? Neinnein, nĂ€chste Woche kommt sie bestimmt. Denn sie kommt immer freitags. Also wird sie nĂ€chsten Samstag auch hier sein.
Wir beratschlagen den halben Morgen, ob wir eine weitere Woche des Wartens riskieren, denn 12 Tage harren wir bereits. GĂŒnthers Wunsch, den Lake Tanganjika mit dem ehemals deutschen Dampfschiff zu queren, wird fĂŒr uns buchstĂ€blich zur Zeit-Reise. Unsere Visa konnten wir bereits verlĂ€ngern. Problemlos und ohne zusĂ€tzliche GebĂŒhr, denn im Office war man mehr mit fernsehen und Musikvideos beschĂ€ftigt. Anstatt der angefragten sieben Tage – „Sorry, sind 30 Tage auch ok?“ – glĂŒcklicherweise gleich um einen weiterer Monat, der Immigration-Officer hatte sich verschrieben. Die singenden KĂŒnste seines Kollegen im gerade fertig gestellten Videoclip hatten ihn abgelenkt.

Ich sitze vor dem Chef der Hafenauthorethy und versuche meine NervositĂ€t und Ungeduld wegzulĂ€cheln. Er ist dabei, mir einen Beleg auszustellen, mittels dem er seine SekretĂ€rin befugt, mir eine Rechnung zu schreiben. Diese wiederum erlaubt mir, im KassenbĂŒro die VerladegebĂŒhr fĂŒr unser Motorrad entrichten zu dĂŒrfen. Nur gegen Vorlage der im Gegenzug dafĂŒr erhaltenen Quittung werden KranfĂŒhrer und Arbeiter die F800 GS auf die Liemba befördern. Alles geht schleppend langsam. WĂ€hrend GĂŒnther dem Zoll Einblick auch in den letzen Winkel unseres GepĂ€cks gewĂ€hrt, hetze ich seit Stunden auf der Suche nach der richtige Person mit dem passenden Zettel und dem dazugehörigen Stempel auf dem weitlĂ€ufigen HafengelĂ€nde umher. Der knappe Hinweis des KapitĂ€ns sorgt fĂŒr Ausdauer und treibt mich an: er wird nicht warten, auch nicht auf uns. Sobald das Schiff mit der vorgesehenen Fracht beladen ist, wird er ablegen. Es ist Freitag. Die Liemba kam spĂ€t am Nachmittag, niemand hatte heute mit ihr gerechnet. Um teure LiegegebĂŒhren in Sambia zu vermeiden wird das Schiff noch heute auslaufen. In einer Stunde wird es dunkel. UmstĂ€ndlich kramt der Chef einen Zettel, den richtigen Schreiber und ein Lineal aus den Tiefen seiner Schublade hervor. KĂŒhles Halbdunkel liegt ĂŒber der kargen Einrichtung. In einer Ecke eine große Wanne mit frisch gefangenem Fisch. Der Abend verspricht ein Grillfest. Ich ĂŒbe verhalten smaltalk. Ein Ventilator rotiert von der Decke, ersetzt das Ticken der fehlenden Uhr. ZĂ€h dehnt sich die Zeit auf dem Zettel, zerreißt und landet im MĂŒll. Der Chef ist in der Zeile verrutscht und fĂ€ngt von vorne an. Panik unterdrĂŒckend versuche ich ein höfliches DrĂ€ngen. Verpacke Dringlichkeit und Zeitdruck in holprigen Humor. ErwĂ€hne, wie eilig ich seinen Beleg benötige, am besten schnellstmöglich. Sonst legt die Liemba nach Wochen des Wartens ohne uns ab. Den Blick konzentriert in der schreibenden Hand, erzĂ€hlt er mir nuschelnd, dass die Liemba normalerweise erst morgen, am Samstag gekommen wĂ€re. Aber heute habe er ihnen die Anlegeerlaubnis fĂŒr Samstag verweigert. „We are to bussy tomorrow“, sagt er und sein Blick sucht den der Fische. „Keine Anlegeerlaubnis?“ wiederhole ich unglĂ€ubig. „Yes, wir haben morgen zuviel zu tun, deshalb musste sie heute anlegen.“ Die Fische starren glasig zum Ventilator.

Die zupackenden HĂ€nde der Arbeiter sind zahlreich, doch im Verladen eines Motorrades ungeĂŒbt. Trockenfischkisten und MaismehlsĂ€cke sind wesentlich unempfindlicher. GĂŒnther hat nicht Augen genug ihr Tun zu kontrollieren, muss zeitgleich dirigieren um folgenschwere Fehler und SchĂ€den zu vermeiden. Deutsche GrĂŒndlichkeit gegen afrikanische Eile. In einem Netz wird die F800 GS mit einem Kran an Bord gehievt. WĂ€hrend ich fotografiere, wie 270 kg Motorrad nebst Packtascheninhalt die Schwerkraft ĂŒberwinden, versuche ich parallel unser am Hafenkai liegendes GepĂ€ck im Auge zu behalten. Zu viele HĂ€nde in einem Gewirr aus HĂ€ndlern, Hafenarbeitern, Passagieren und Schaulustigen machen auch mich leicht nervös. Die BMW landet wohlbehalten an Bord. Der ausgewĂ€hlte Platz taugt jedoch nur als Zwischenlösung, sie soll aufs Oberdeck. Erneut wird geschoben und verzurrt. Ein Ruck geht durch den Lastenarm, nur diesmal ohne Absprache. Vier Stahltrossen spannen sich, die BMW beginnt zu schweben, dann zu rutschen, fĂ€llt fast aus dem Netz! GĂŒnthers GebrĂŒll stoppt den KranfĂŒhrer, verhindert den Absturz. Das Motorrad wird neu im Netz positioniert und wĂ€hrend es, gefolgt von unseren Blicken, abhebt, vergessen wir zu atmen. Der Weg aufÂŽs Oberdeck fĂŒhrt ĂŒber die Reling raus aufs offene Wasser! Im LĂ€rm der ablegenden Dieselgeneratoren springe ich als Letzte an Bord. Ausgestreckte AnanashĂ€nde, die noch immer auf GeschĂ€fte hoffen, verlieren sich im Dunkel. Es beginnt zu regnen.

Schnell ist an Bord jede Nische belegt. Das Boot verwandelt sich in einen schwimmenden Bazar. Unter den Treppen improvisierte Shops, ĂŒber Obst, Chips, Seife, Softdrinks bis hin zum Trockenfisch ist hier alles kĂ€uflich. Das Oberdeck ist binnen kĂŒrzester Zeit fest in HĂ€nden der Dritten Klasse. Den unbequemen HolzbĂ€nken entfliehend, ziehen viele der Passagiere es vor, sich in den schmalen GĂ€ngen ihr Lager fĂŒr die Nacht herzurichten. Gezwungen durch die Notwendigkeit einer sichern GepĂ€ck-Aufbewahrung investieren wir in eine der Erste-Klasse-Kabinen. Den Charme eines in die Jahre gekommenen Jugendherbergszimmers erhalten wir zum Kurs eines First-Class-Hotels. Extravagant sind lediglich die Preise fĂŒr Touristen, Luxus sucht man auf der Liemba dieser Tage vergebens. Was uns nicht weiter betrĂŒbt, denn die Kabine betreten wir in den beiden Tagen der Überfahrt nur selten. Uns fasziniert das afrikanische Leben der Liemba und das beginnt vor unserer KabinentĂŒr. Dort kichern aus einer dunklen Ecke drei Stimmen junger Schönheiten, aufgeregt beschĂ€ftigt mit Make-up und Lippenstift. Die Nacht ersetzt die Schleier, schafft freien Raum und Urlaub aus der strengen Religion.
44 Stunden und 18 Stops wĂ€hrt die Überfahrt, geschlafen wird wenig. Es wird be- und entladen, oft mit Hilfe des auf dem Schiff installierten Kran, denn im Rumpf ist Laderaum fĂŒr 2000 Tonnen Fracht. Meist ist es „dagaa“, Trockenfisch, im See gefangen. Passagiere steigen aus oder zu, rund um die Uhr. Befestigte HĂ€fen gibt es auf der gesamten Strecke allerdings nur drei. Die Menschen aus den ĂŒbrigen Dörfern erreichen die Liemba nur in Holzbooten und versuchen auf offener See an den BordwĂ€nden hĂ€ngend, ins Boot zu gelangen. Kein ungefĂ€hrliches Manöver im hektischen Chaos, bei unruhiger See. Aus allen Richtungen wird gehoben, gezogen, gehievt und gezerrt. GepĂ€ckstĂŒcke fliegen mit lautstarken Anweisungen. Nicht jeder erweist sich als unerschrockener Kletterer oder sportlich durchtrainiert. Eine Frau verliert das Gleichgewicht und taucht unter im Wasser, es ist drei Uhr in der Nacht. Monsieur Cleophas Amisi kann nicht schlafen, also vertreibt er uns die Zeit mit Geschichten aus seinem Business, von Schmugglern auf der Liemba und von kongolesischen Piraten. Letztere erklommen die BordwĂ€nde und wollten die Passagiere ausrauben. Seitdem sind bewaffnete Polizisten stĂ€ndige Begleiter an Bord. Ein Passagier- und Frachtschiff unterwegs auf dem zweitgrĂ¶ĂŸten See Afrikas, der sich aufteilt auf vier LĂ€nder, weckt Begehrlichkeiten. Monsieur Cleophas ist aus dem Kongo und handelt mit Tansanit, einem der begehrtesten Edelsteine der Welt. Er muss es wissen. Das Boot fĂŒllt sich mit Waren und Menschen, unsere Speicherkarten mit Bildern, unsere Köpfe mit Geschichten.
Wir nĂ€hern uns dem Heimathafen der Liemba und der Hahn, eingebucht in einem Gitterdurchgang direkt neben der KĂŒche, scheint erleichtert, die Reise heil ĂŒberstanden zu haben. Nur unsere Ankunftsfreude ist gedĂ€mpft, denn im Hafen herrscht striktes Film- und Fotografierverbot. Noch auf dem Boot weißt uns der KapitĂ€n ausdrĂŒcklich darauf hin.

Hafen, Werft und Eisenbahn, sowie die wichtigsten öffentlichen Bauten Kigomas entstammen der deutschen Kolonialzeit. Im Jahr 1888 verpachtete der Sultan von Sansibar einen 10 Meilen breiten KĂŒstenstreifen am indischen Ozean an die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, nachdem einige Jahre zuvor die Weichenstellung in Form eines deutschen Flottengeschaders nebst Kanonen erfolgte. Nach nur drei Jahren ging hieraus die Kolonie Deutsch-Ostafrika hervor, deren Gebiet sich ĂŒber die heutigen LĂ€nder Tansania (ohne Sansibar), Ruanda, Burundi, sowie kleine Teile Mosambiks erstreckte. Möglichst schnell sollte die Kolonie wirtschaftlich erschlossen werden, man begann mit dem Aufbau einer modernen Verkehrsinfrastruktur. Eine Eisenbahnstrecke sowie drei Passagier- und Frachtschiffe auf dem Tanganjika-See, neben der Goetzen waren zwei weitere geplant, sollten den Abtransport von Rohstoffen aus Nordrhodesien und Belgisch-Kongo ermöglichen. Mit dem verlorenen Krieg ging das Gebiet an Belgien und Großbritannien ĂŒber. Kigomas Hafen ist heute einer der wichtigsten Verkehrspunkte Zentralafrikas, die GebĂ€ude jedoch welken in Erinnerung einstiger kolonialer Pracht dahin. Nach ĂŒber 60 Jahren UnabhĂ€ngigkeit ist Tansania arm und zerfressen von Korruption, aber immerhin eines der stabilsten LĂ€nder Afrikas. Der erste tansanische StaatsprĂ€sidenten, Julius Nyerere, scheiterte mit seiner Idee eines „afrikanischen Sozialismus“. „Ujamaa“, der Traum von gegenseitiger Achtung und Gemeinschaftssinn, endete in militĂ€rischer Gewalt, die ĂŒber 11 Millionen Menschen zum Umzug in Plandörfer zwang. Die wichtigste Errungenschaft aus dieser Zeit jedoch ist die außergewöhnliche, politische StabilitĂ€t des Landes. Unter anderem mit EinfĂŒhrung des Swahili als gemeinsame Sprache gelang es Nyerere, aus etwa 120 verschiedenen ethnischen und unterschiedlichen konfessionellen Gruppen eine geeinte Nation zu formen: „Umoja na Amani“ – Einheit und Friede fĂŒr Tansania.
In Mpulungu folgten wir dem Herzen, in Kigoma der Vernunft, uns ĂŒberzeugen Horrorgeschichten von unbefahrbaren Pisten, in Kigoma zu verweilen. Wir erobern den Ort im Vorbeifahren, besser, die F800 GS. SĂ€mtliche Bodaboda-Fahrer liegen ihr zu FĂŒĂŸen, grĂŒĂŸen uns hupend und blinkend, sind begeistert und begierig auf jedes einzelne Detail. Die zweirĂ€drigen Taxifahrer im ganzen Land fahren hauptsĂ€chlich auf 150iger Maschinen made in China. Anders als in Sambia, steht hier die Frage nach dem Hubraum im Vordergrund „How many CC?“ GrĂ¶ĂŸere MotorrĂ€der verirren sich sehr selten hierher und so liegen „mia nane CC“, 800 Kubik, jenseits ihrer Traumvorstellungen. Mal wieder ist es die BMW, die uns sĂ€mtliche Herzen öffnet und oft auch die dahinter liegenden TĂŒren.
Hier am Lake Tanganyika die Regenzeit zu ĂŒberbrĂŒcken fĂ€llt nicht schwer, denn GĂŒnther liegt im Fieber: febris constructio navalis. Es tritt in SchĂŒben auf. Infiziert hat er sich in einem kleinen Fischerhafen, keine 15 km von Kigoma entfernt. Am hölzernen Gerippe einer Arche Noa: Schiffsbaufieber. Es war der Zufall, der uns nach Ujiji fĂŒhrte. Von islamischen Kaufleute besiedelt, war der Ort einst ein bedeutender StĂŒtzpunkt fĂŒr den GĂŒter- und Sklavenhandel aus dem Inneren Afrikas kommend. Von hier gingen die Sklavenkarawanen weiter an die KĂŒste nach Bagamoyo, bevor sie nach Sansibar und von dort aus weiter in andere LĂ€nder verschifft wurden. Hier in der Ă€ltesten Stadt im westlichen Tansania, fand auch der, mit der Suche beauftragte Journalist Henry Morton Stanley den schwer erkrankten, schottischen Missionar und Afrikaforscher David Livingstone. Ein Gedenkstein erinnert daran. Wir suchen den Stein und finden die KINSOLYO. Im winzigen Hafen Ujijis blieb die Zeit stehen. Gerade wurde mit dem Bau eines des heute grĂ¶ĂŸten, auf dem Lake Tanganyika verkehrenden Frachtschiffes begonnen. Nach alter omanischer Bauweise, alles von Hand. Die Vernunft weicht der Passion, denn die Genesis der KINSOLYO schlĂ€gt uns in ihren Bann. Die skeptische Ablehnung der Arbeiter schwand spĂŒrbar mit jedem Tag. Unser Interesse am Bau des Schiffes weckt lĂ€ngst kein Misstrauen sondern nur mehr Stolz. Jeder neue Arbeitsschritt wird uns erklĂ€rt, wir sollen nichts versĂ€umen und unser tĂ€gliches Erscheinen erwartet. Es ist Mittag und schwĂŒllheiß, vor der kleinen Moschee mahnt der Muezzin zum Gebet. Wir sitzen im Schatten und warten die Pause ab. MĂ€chtig, wie ein gestrandetes Tier liegt das Boot. Die Kraft vieler Arbeiter bewegt es, je nach Notwendigkeit von einer auf die andere Seite. Es wĂ€chst tĂ€glich zum Schiff, bis es endlich in leuchtendem Rot erstrahlt. FĂŒr Salim und Mohamed, die beiden BrĂŒder, ist die KINSOLYO mehr als nur eine gute GeschĂ€ftsidee. Sie leben mit ihr den Traum des verstorbenen Vaters. Salim hegt seit zwanzig Jahren noch einen weiteren: er will zurĂŒck in den Oman, der Heimat des Vaters. Bis heute trĂ€umt er vergebens. Das Sultanat ist rigoros. Um der Seuche der Korruption vorzubeugen, sind Kaufleute aus Ostafrika dort nicht erwĂŒnscht. VerstĂ€ndlich, denn beim Lesen der „East African“ erhalten wir einen drastischen Eindruck afrikanischer und tansanischer Korruption: Afrikanische Regierungen lagern mehr als 200 Billionen US-Dollar Cash-Reserven auf auslĂ€ndischen Konten und weigern sich, diese in die eigenen LĂ€nder zu investieren
 Und in einem weiteren Artikel: Der tansanischen Haushaltskasse fehlen 500 Millionen US-Dollar, deren Verbleib nicht zu erklĂ€ren ist. Was uns erschĂŒttert, lĂ€sst Afrikaner unberĂŒhrt. FĂŒr sie ist Korruption das Privileg der herrschenden Kaste und ein Faktor, der fest in die Lebenshaltungskosten einberechnet werden muss.
„Muzungus“, Weiße sind ein Garant fĂŒr schnelles Geld und gearbeitet wird daher mit allen Tricks, erklĂ€rt Sam, unser Dolmetscher, nachdem ein sportlich gekleideter, junger Mann in Ujiji uns höflich auffordert 300 US-Dollar an ihn zu bezahlen, sofort und in bar. Er arbeite fĂŒr die örtliche Behörde und fotografieren sei fĂŒr Touristen nur mit spezieller Genehmigung erlaubt. Ausweisen kann er sich nicht, also droht er uns wĂŒtend nach lĂ€ngerer Diskussion, am nĂ€chsten Morgen wiederzukommen. Der Morgen kommt, aber nicht unser Freund. Er arbeitet tatsĂ€chlich fĂŒr eine Behörde, finden wir heraus, aber nicht fĂŒr die Behauptete. Wir verdrĂ€ngen den Ärger, denn Wichtiges steht an, das Ereignis, auf das wir seit Wochen warten. Die KINSOLYO soll, von 100 Helfern geschoben, ins Wasser. Afrikanischer Stapellauf. Viele GĂ€ste sind gekommen, selbst KapitĂ€n Titus Benjamin von der Liemba ist anwesend. Nach schweißigen zwei Stunden voll heißerem Geschrei schwimmt sie erhaben im See. Die anschließende Jungfernfahrt muss leider verschoben werden, denn man hatte vergessen, vorher den Motor zu testen: something with the engine! Kolbenfresser. Noch auf dem Schiff wird der Motor von fĂŒnf MĂ€nnern in sĂ€mtliche Einzelteile zerrissen. Und um jeglichem weiteren Risiko vorzubeugen, wird das Problem am folgenden Tag symbolisch geschlachtet, in Form einer Ziege an Bord. Nur wenige Tage spĂ€ter muss im Hafen von Kibirizi erneut geopfert werden, dort wird die KINSOLYO mit Fracht beladen. Diesmal wird nicht geschlachtet, nur gemolken, die Ziege sind wir. Diese Staatsdiener sind cleverer und leider auch mĂ€chtiger. Zwar fehlt jeder Hinweis und der „Hafen“ besteht nur aus Fischerbooten, aber die Beamten der Immigration wissen: Fotografieren und Filmen ist in HĂ€fen nicht erlaubt. Und dieses Wissen MUSS bezahlt werden. Wir stellen uns stur und nach nutzlosen Stunden des Diskutierens werden nicht wir, sondern die Officer einsichtig. Klug wenden sie sich an Salim, den Kaufmann, der weiß, was zu tun ist. FĂŒr den geleisteten Beitrag werden wir herzlich eingeladen, ungeachtet des grundsĂ€tzlichen Verbotes, auch in den nĂ€chsten Tagen zu fotografieren und zu filmen.

Unsere Wege trennen sich. Die Kinsolyo macht sich auf in den Kongo und wir uns zu den Hadza, an den Lake Easy. Einspurig fĂŒhrt die Strecke von Mpanda nach Tabora. Eine endlos tiefe Sandspur, die sich abwechselt mit steinig-löchrigen Passagen, oft gefĂ€hrlich mit pudrigem FeschFesch verweht. Die Piste fĂ€llt tonnenförmig rechts wie links in tiefe WassergrĂ€ben ab. Im Stundentakt kommen uns halsbrecherisch Busse entgegen. Sie steuern wie Kamikaze ihre Passagiere in Richtung Tod oder Mpanda. Immer bleibt nur die Flucht in den Graben und im nachziehenden Sandwirbel erstickend, das erleichternde GefĂŒhl ĂŒberlebt zu haben. Nach ca. 1.700 Kilometern werden wir mitten in Tanzania eingeholt von GĂŒnthers Alptraum, an einem Motorrad, das elektronisch gesteuert ist, nichts machen zu können. Wir stranden an einem Ort, Tag und Nacht beschallt von Fernsehern und schlechten Musikanlage. Wo Muslime und Christen im Wettbewerb der Megaphone stehen und Selfmade-Propheten einer Vielzahl evangelikaler Freikirchen ihre göttlichen Heilsbotschaften in die Ohren ahnungsloser BĂŒrger grölen. Hier werden wir nicht erleuchtet, sondern gefallenen Engeln gleich, geht uns in Singida das Licht aus. Kurz hinter Mpanda hat sich das Problem bereits angekĂŒndigt. Über das IMOÂŽs sprach es zu uns und warnte: 12,3 Volt!
Singida bietet wenig mehr als nichts. Doch dieses wenig mehr bringt etwas Licht in unsere trĂŒbe Stimmung: INTERNET sei Dank sind wir in der Lage uns elektrotechnisch weiterzubilden, durchforsten das Netz, lesen uns durch Fachforen, SchaltplĂ€ne, Multimeterbeschreibungen und Reparaturanleitungen. Wir hĂ€ngen virtuell am Tropf und Clemens, der Werkstattmeister von Touratech und Freunde leisten erste Hilfe. Singidas Multimeter sind alle made in China, andere LĂ€nder haben es nicht bis hierher geschafft. Angeboten werden drei Modelle, sicherheitshalber testen wir sie gleich vor Ort. Das schlichte PrĂŒfen an einer 12 V Batterie lĂ€ĂŸt unseren Favoriten in Sekunden erglĂŒhen. Auch unsere zweite Wahl schafft nur die Note „ungenĂŒgend“, das Modell zersetzt sich wĂ€hrend des Gebrauches. Chinesische Wegwerfprodukte, speziell produziert fĂŒr den afrikanischen Markt, ĂŒberfluten den Kontinent. Die VerkĂ€uferin, freundlich lĂ€chelnd, tauscht tĂ€glich, und tĂ€glich wandert, freundlich lĂ€chelnd, unsere Reklamation zurĂŒck in die Auslage. Bis ihr Vorrat erschöpft und unsere Nerven zu dĂŒnn sind. Beim Abschied vermissen wir ihr LĂ€cheln und ihr herzliches: „Karibu tena“ welcome again. Nach unzĂ€hligen, sich zu Tagen summierenden Stunden der Fehlersuche finden wir heraus, dass kein verrottetes Massekabel, kein Wackelkontakt oder defekte Steckverbindung uns am Weiterfahren hindert. Leider auch nicht der Regler, der als Ersatzteil im GepĂ€ck liegt. Schade, ihn zu wechseln wĂ€re so einfach gewesen. Eine kupferne Spulenwicklung, die normalerweise dafĂŒr sorgt, dass Licht wird, sozusagen ein LĂ€cheln das Gesicht der Fahrenden erhellt, wenn sie sich mittels Motorrad bewegen, trĂ€gt Trauer. Sie ist schwarz. In Fachkreisen spricht man auch vom Durchbrennen der Statorspulenwicklung. Dem Laien bekannt als Lichtmaschine. Also kein Elektronikproblem, sondern something with the engine! Nach ĂŒber 57.000 gefahrenen Kilometern und unter dieser Belastung nichts Ungewöhnliches. Das Spenderherz der F800 GS erreicht uns mit Lichtgeschwindigkeit. Es reist im GepĂ€ck eines Medizinstudent im ersten Semester und kommt aus Niedereschach ĂŒber Berlin in den „Hafen des Friedens“ nach Dar es Salaam. Der Bruder einer VolontĂ€rin, die fĂŒr ein freiwilliges soziales Jahr nach Tansania kam, bringt es mit. Das neue Herz der BMW hört er nie schlagen. Er ist durch die AnatomieprĂŒfung gerasselt, erfĂ€hrt er kurz nach seiner Landung und muss sofort zurĂŒck.

Der Begriff VolontĂ€r stammt aus dem 17. Jahrhundert, entlehnt vom französischen volontaire „Freiwilliger“. Der Ursprung des Wortes bedeutet „Wollen/Wille/Neigung“. Das englische GegenstĂŒck zu dem deutschen Wort „Freiwilliger“ ist „volunteer“. Freiwillige Hilfe hat in Tansania Tradition. Mitte der 1970iger Jahre wollten Freiwillige aus aller Welt helfen, die Idee des Ujamaa aufzubauen. Tansania und Nicaragua waren SchwerpunktlĂ€nder des Deutschen Entwicklungsdienstes. Heute quillt das Land ĂŒber von NGOÂŽs und auslĂ€ndischen volunteers, die voll des guten Willens sind. Die tansanische Regierung hat diesen Idealismus mittlerweile als lukrative Einnahmequelle erkannt und die Preise fĂŒr die Arbeitsvisa in astronomische Höhen geschraubt. Viele Institutionen profitieren nicht nur durch kostenlose ArbeitskrĂ€fte, sie erwarten zusĂ€tzlich auch Geldspenden von ihren Helfern.
Dank Anika, unserer helfenden VolontĂ€rin, erreicht die Welle der Hilfsbereitschaft auch uns. Sie organisiert meisterhaft. Notiert Namen, Nummern, Ankunftszeiten. Bringt in Dar es Salaam erst unser Paket via Bus, dann sich selbst und die BrĂŒder auf den Weg, alles in unterschiedliche Richtungen. Mental schon beim Einbau, fiebern wir Stunden zu frĂŒh am Busbahnhof der Ankunft entgegen. Bei noch laufendem Motor begrĂŒĂŸt uns der Fahrer per Handschlag durchs offene Fenster. Ihn freuten unsere strahlenden Gesichter, von unserem Paket weiß er nichts. ZustĂ€ndig fĂŒr das GepĂ€ck ist ein Unfreundlicher, kein Helfer. Er kann weder Englisch, noch ist er geneigt nach unserem Paket zu fahnden. Mit einem: „Next bus, next bus" verschwindet er im Kofferraum zwischen Bergen von GepĂ€ck. Fast hĂ€tte der Bus seine RĂŒckreise nach Dar es Salaam angetreten, unser Paket im Kofferraum wĂ€re sicherlich niemandem aufgefallen. Wir sind hartnĂ€ckig und finden einen freundlichen Willigen, der englisch spricht, fĂŒr uns telefoniert und dolmetscht. Der Unfreundliche fĂŒgt sich dem Freundlichen, und nur wenigen Anweisungen und Sekunden spĂ€ter halten wir unser Paket mit der Lichtmaschine in HĂ€nden, die sofort in der Lage ist, unsere Gesicht mit einem Strahlen zu erhellen.
Zwischen trocknenden Bettlaken fĂŒhren wir im Hinterhof unseres Domizils die Herztransplantation durch. Aber der Teufel steckt im Detail und wir sind zu zaghaft, ihn auszutreiben. Der Rotor sitzt fest, „die Dinger hebed echt wieÂŽd Sau!!!!!“ weiß Clemens am anderen Ende des Netzes. Er rĂ€t zum Gewaltakt mit HammerschlĂ€gen, danach macht es knack und am siebten Tage wurde endlich Licht. Fast, denn die Spannung unserer Batterie liefert noch immer nicht die gewĂŒnschten Werte. Laut William James, psychologischer Philosoph und BegrĂŒnder des Pragmatismus, besteht die Kunst der Weisheit darin, zu wissen, was man ĂŒbersehen muss. Auch wir wollen weise werden und ĂŒbersehen pragmatisch die Spannungsdifferenz. VerlĂ€ssliche Werte liefert nur ein DiagnosegerĂ€t und das nĂ€chste befindet sich mit GlĂŒck in Kenia/Nairobi. Wir wollen endlich weiter, denn 6 Wochen verbrachten wir in einem Guesthouse, das GĂ€ste sonst nur stundenweise besuchen. Nicht wirklich ein Bordell, mehr die tansanische Lösung fĂŒr ein gesellschaftliches Problem. Es gibt hier so viele Guest- wie WohnhĂ€user. Und ebenso viele Paare auf der Suche nach einem RĂŒckzugsort. Wir atmen auf, als wir Singida endlich verlassen. Die Angestellten unseres Guesthauses ebenfalls. Wir brachten ihren Rhythmus aus dem Takt. Aber wir sind sicher, spĂ€testens am Abend werden wir in ihrer Erinnerung verblasst sein. Wir rĂ€tseln, ob unser Problem religiös bedingt war. Es begann mit dem Ramadan und endete kurz danach. Vielleicht wollte unser Motorrad nur fasten.

Auf unserer Suche nach den Hadza queren wir das Gebiet zwischen dem Yaeda Valley und den Kidero-Mountains, die sich entlang des Lake Easy in nordwestlicher Richtung erstrecken, auf der Karte ein heller Fleck. Möglichst dicht orientieren wir uns entlang der Bergkette. Hier sollen sie heute noch in kleinen FamilienverbĂ€nden, wie einst die Buschleute in Namibia und Botswana, vom Jagen und Sammeln leben. Unsere Strecke fĂŒhrt uns mitten ins Nichts. Keine Piste, nur Trampelpfade von den Tatoga- und Iraq-Hirten, die mit ihren Rindern und Ziegen das Gebiet dĂŒnn besiedeln. Wir queren traumhaft schöne, leere Natur. Gewaltige Baobab, hölzerne Zeugen der Zeit, bewachen wie stumme Riesen den kargen Raum. Unsere Zweifel und Ängste, die uns seit Singida beschatten, weichen der Zuversicht. Die F800 GS springt zuverlĂ€ssig an, die Lichtmaschine arbeitet. „Mens sana in corpore sano“, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Vor unserer Weiterfahrt hatten wir noch alle notwendigen Wartungsarbeiten vorgenommen. Ölwechsel, Luftfilter entstaubt, Kette gereinigt, Reifen gecheckt. Die Kupplung greift nach ĂŒber 57.000 km noch immer, und treibt den Metzeler Karoo 3, der unser Schwergewicht seit Livingstone in Sambia trĂ€gt, durch einen Parcour von schlammigen Pisten, hartem Schotter, scharfkantigen Geröllfeldern, durch tiefen, weichen Flussand problemlos. Das Suchen gestaltete sich sehr schwer, die Hadza und ihre aus Stroh gefertigten HĂŒtten verschmelzen mit der Landschaft. FĂŒr unsere Großstadtaugen bleiben sie unsichtbar. Das Finden beschrĂ€nkte sich auf diejenigen, die vom Tourismus leben und fĂŒr horrende Summen kurze Vorstellungen ihres einstigen Lebens anbieten. Die Zeit, die wir zur Reparatur der Lichtmaschine benötigten, gefĂŒhlte Lichtjahre, fehlt nun leider, um weiter mit Ortskundigen auf die Suche zu gehen. Denn unsere ablaufenden Visa zwingen zur Eile, lassen keine Möglichkeit, unsere Arbeit befriedigend zu beenden. Wir beschließen nach Kenia auszureisen, um an anderer Stelle wieder nach Tansania zurĂŒckzukehren. Die Schleife ĂŒber Nairobi wollen wir nutzen, um in Deutschland Visa fĂŒr Äthiopien zu beantragen.

Die Grenze nach Kenia erreichen wir im Jahr 100 nach Beginn des 1. Weltkrieges. Aus der alten Polizeistation am heutigen Grenzort Tavetas fiel der erste Schuss des Ersten Weltkrieges in Ostafrika zwischen Deutschen und Briten. Ein historischer Tag, an dem auch Kenia an die KĂ€mpfe zwischen britischen und deutschen Truppen gedenkt, zumal in Kenia rund 350.000 Afrikaner gezwungen wurden am Kriegszug gegen Deutsch-Ostafrika teilzunehmen und nur wenige ĂŒberlebten. Ausgestempelt aus Tansania fahren wir durch Niemandsland. Vor dem kenianischen GrenzgebĂ€ude sitzt ein Mann im weißem Kittel an einem Klapptisch und isst. Mittagszeit. Wir grĂŒĂŸen im Vorbeigehen. Eine Hand im Essen, die andere zuckt, als wir auf gleicher Höhe sind. Schnell zieht er eine Waffe und richtet sie auf GĂŒnthers Stirn, der angewurzelt stehen bleibt. „Habari?“ – Wie gehtÂŽs? fragt er, noch immer kauend. Wegen der sich hĂ€ufenden Ebola-FĂ€lle in Westafrika wird als Sicherheitsmaßnahme seid einigen Wochen vor der Einreise bei allen Personen Fieber gemessen. Die vermeintliche Waffe stellt sich als Thermometer heraus und wir uns, aufgrund unserer Körpertemperatur, als ungefĂ€hrlich fĂŒr Kenia. Wir betreten den Raum zum Zeitpunkt der Kranzniederlegung, an der die kenianischen Zöllner via FernsehĂŒbertragung teilnehmen. Das wir aus Deutschland sind, freut die Beamten, sie mögen deutsche GĂ€ste und hegen keine Ressentiments. Und immerhin hat Deutschland vor einigen Wochen die Fussballweltmeisterschaft gewonnen. "Karibuni"! Mit einem strahlenden LĂ€cheln heißt uns Kenia willkommen.

Text: Rea La Greca


Am Ende der Belastbarkeit

Kenia, November 2014

WĂ€re ihm eine Stimme gegeben, so wĂŒrde er leise stöhnen, unter der erdrĂŒckenden Schwere der Zumutung, die er, seinem Zweck folgend, problemlos trĂ€gt. Die Endorphin-Schmiede in Niedereschach, die Herzen der Motorradfahrer auf Drehzahl bringt, gab dem Fahrwerk meiner F 800 GS das krĂ€ftigste, verfĂŒgbare Standbein, eine Touratech-Innovation, speziell konzipiert fĂŒr MotorrĂ€der unter hoher Zuladung auf Fernreisen. Der Touratech Suspension Level 2/ Explore HP.
Die bevorstehende Etappe auf unserer Projektreise "NOmadsLand" fĂŒhrt uns in den Lebensraum der Massai, das sich nördlich des Kilimanjaro, entlang der kenianisch-tansanischen Grenze erstreckt. Alle Warnungen ignorierend, ein solch beladenes Motorrad durch dieses Gebiet bringen zu wollen sei unmöglich, machen wir uns auf den Weg, machen mit unserer BMW das Unmögliche möglich. Einzig die fast unsichtbaren "speed humps", tonnenförmige Erhebungen ĂŒber dem Asphaltband, die kurzfristig die Geschwindigkeit aller Fahrzeuge reduzieren, können die 500 Kilogramm Motorrad in Richtung "White Cape", wie der höchste Berg Afrikas auch genannt wird, bremsen. Ohne Hinweis wölben sie sich unvermutet auf, vor Ortschaften oder auch dort, wo unscheinbar in dĂŒrrer Landschaft verstreute HĂŒtten liegen, dass jeder, der sie ĂŒbersieht, sich glĂŒcklich schĂ€tzen kann, wenn er und sein Fahrzeug unbeschĂ€digt bleiben. In Kadjado, nahe der tansanischen Grenze, biegen wir nach Osten ab, auf die "not recommended roads", Pisten, die zum Amboseli National Park fĂŒhren. Die stĂ€rkste Feder montiert, mit 50% hĂ€rterer Vorspannug als herkömmliche DĂ€mpfer, klopft das Hinterrad den Sand aus dem tiefen Wellblech. Der Touratech Suspension reagiert auf diese irritierenden DauerschlĂ€ge, sowie auf tĂŒckische Felsen, deren Spitzen wie Eisberge aus dem Boden ragen, mit einer blitzartigen DĂ€mpfungsfrequenz, sodass das Fahrwerk, ungeachtet der mĂ€chtigen Masse, die am Rahmen zerrt, stabil bleibt.
Weit entfernt, kĂŒndigt die in der untergehenden Sonne leuchtende rostbraune Gischt am Himmel, ein Meer an. Durch die Siedlung Lengesim, die den Charme eines verlassenen GoldgrĂ€berdorfes hat, wehen vor dem angekĂŒndigten Duell keine StrĂ€ucher ĂŒber den Sand, sondern PlastiktĂŒten. Hier verbringen wir die Nacht. Kurz nach Sonnenaufgang folgen wir dem Massai Chief der Gemeinde, Johannes, auf seiner 125er China-Toyo, durch den von PlastikmĂŒll verwehten Ort. Hinter den letzten HĂŒtten stoppt er abrupt vor offener Steppe, reisst seinen rechten Arm in die Luft und rĂ€t uns, immer seinem Finger nach zu fahren. Seine Fingerspitze endet in dem leuchtenden Streifen am Himmel. Ein roter Sandpfad fĂŒhrt uns direkt hinein, in das wogende Meer aus mehligem Sandstaub, dass sich weit ĂŒber den Horizont hinaus vor unseren RĂ€dern ausbreitet, knietief. Der heisse, noch trockene Wind, der den Regen bringen soll, peitscht den roten Puder in die AtmosphĂ€re, wirbelt in Sandhosen das Fesch Fesch in den bleiernen Himmel, der erdrĂŒckend ĂŒber der Landschaft schwebt. Schwer mit Bausand aus illegalen Sandgruben beladene LKWs frĂ€sen auf ihrem Weg in die Bauboomtown Nairobi wĂ€hrend der Regenzeit tiefe Fahrrinnen in die Piste, die sich mit Flugsand fĂŒllten. Massai, auf ihrem Weg in die Grube erzĂ€hlen uns, dass der Abtransport zwar ihre Weiden weitrĂ€umig durch Staub vernichtet, doch ihre Arbeitskraft als Sandlader ihnen ein bescheidenes, aber regelmĂ€ssiges Einkommen von 4 Euro pro LKW sichert. Zum Grasen treiben sie ihre Herden widerrechtlich ĂŒber die offene Grenze in den Amboseli Nationale Park , flĂŒchten oder graben sich in Löcher ein, wenn sie ins Visier der Park Ranger kommen.
Mit reduziertem Reifendruck sackt die BMW in den wabernden Untergrund, der Flugsand ist zu fein, um zwei schmale RĂ€der tragen zu können. Wassergleich spritzt er auseinander, schiesst in Fontainen hoch und vernebelt die Sicht. Über Serien hoher Bodenwellen rutscht der Motorschutz, durch stufenartige Löcher, tiefe Mulden, unter dem Fesch Fesch verdeckte, scharfkantige Lateritplatten bringen wir schleudernd die BMW voran. Ich wĂŒnschte mir eine noch krĂ€ftigere Feder, um der F800 mehr Freiheit ĂŒber dem Boden zu geben. Aber die Belastung durch eine noch hĂ€rtere DĂ€mpfung an der DĂ€mpferaufnahme der Schwinge und des Rahmens, trotz verbauter Schrauben einer speziell hochwertigen Festigkeit, könnte das Fahrwerk beschĂ€digen. Aber der Level 2 Explore HP dĂ€mpft alles, außer WĂŒnsche. Nicht mĂŒde werdend, stemmt er die 500 kg BMW ĂŒber das scheinbare Ende der Belastbarkeit hinaus.
Entlang der Amboseli Road, eine Wellblechtrasse, die zum Ostgate des Parks fĂŒhrt, gesĂ€umt von Bomas der Massai, erhalten wir einen ersten Eindruck ihrer Kultur. Schnell erkennen wir, dass hier Kultur zu Touristenpreisen angeboten wird, dass diese "Plastik-Massai", wie sie auch spöttisch genannt werden, nicht unsere Zielgruppe sind. In Kimana lernen wir Juan, den Spanier und seine Frau Bella, eine kenianische Luo, kennen. Als Lehrerin unterrichtete sie in einer Schule, die Juan im Massai-Land als Entwicklungshilfe baute. Sie ist der SchlĂŒssel zu den Massai, da sie uns durch ihre Kontakte den Zugang in eine Cultural Massai Boma ermöglicht, in der unter staatlicher Schirmherrschaft Massai Tradition gelehrt und gelebt wird. Nach acht Tagen Leben zwischen Rindern und Kuhdung bauen wir unser Zelt ab, denn wir mĂŒssen zurĂŒck nach Nairobi, um schnellst möglich unsere Ausreise aus Kenia vorzubereiten. Unsere Visa laufen ab.

Text: GĂŒnther Menn


Out of Africa

»Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngong-Berge  « Einer Zauberformel gleich beschwören diese Worte Bilder: endlose Savannen, grasende Herden, Schirmakazien, rotgolden getaucht in Sonnenuntergang. Wecken ein unerklĂ€rlich wehmĂŒtiges Verlangen nach Weite und Freiheit. Dank Karen Blixens weltbekanntem Roman und der Traumfabrik Hollywood wurde Kenia zum Sehnsuchtsort des »Out of Africa«. Als Anerkennung ihrer Verdienste um die Tourismusindustrie und um selbige weiter anzukurbeln wurde in Nairobi ein ganzer Stadtteil nach ihr benannt: Karen. Seit dem frĂŒhen Morgen sind wir unterwegs auf dem kenianischen Highway A 109. Dort mĂŒssen wir hin.
FĂŒr Afrika-Romantik fehlt leider gerade die Zeit, endlos erscheinen uns nur die Lkw-Kolonnen, die sich bis zum Horizont erstrecken. Der Blick ist konzentriert nach vorne gerichtet, checkt in kurzen AbstĂ€nden die Seitenspiegel auf sich darin ankĂŒndigende waghalsige Überholmanöver. Wir sind unterwegs auf einer der gefĂ€hrlichsten Straßen im Land, berĂŒchtigt fĂŒr die vielen, meist tödlich endenden UnfĂ€lle. Über klĂ€gliche, heillos ĂŒberforderte zwei Spuren Asphalt wĂ€lzt sich ein Verkehr dramatischen Ausmaßes, denn zwischen dem im Landesinnere liegenden Nairobi und dem an der KĂŒste gelegenen Mombasa sind diese 467 km die einzige Straßenverbindung. Aus dem SĂŒden kommend haben wir die letzten circa 200 Kilometer, die uns ĂŒber die Mombasa Road mitten ins kenianische Hochland nach Nairobi fĂŒhren, unterschĂ€tzt. MobilitĂ€t mutiert hier zum Alptraum. Nur knapp entgehen wir diversen Frontal-ZusammenstĂ¶ĂŸen. Die Fahrer der uns entgegenkommenden Lkws ĂŒberholen und drĂ€ngen ab, was ihnen nicht ebenbĂŒrtig erscheint. Fehlende Ausweichmöglichkeiten und die sich neben der zerbröckelten Asphaltkante lĂ€ngs ziehenden, tiefen GrĂ€ben kĂŒmmern sie wenig. Wir sind nervös, angespannt, denn entgegen guter VorsĂ€tze und Planungen werden wir die Hauptstadt zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt erreichen – wir fahren der Rushhour entgegen.
Mit unserer breit beladenen Maschine stecken wir mitten im Chaos, quĂ€len uns im Schritttempo durch eine Dunstglocke aus Abgasen und LĂ€rm. UnzĂ€hlige StraßenhĂ€ndler stehen, gehen, quetschen sich mit ihrem Potpourri an Waren unerschrocken durch das Blechlawinengewirr. Billigprodukte made in China fĂŒr Haushalt, Auto und den tĂ€glichen Bedarf stehen hoch im Kurs. VerĂ€ngstigte Hundewelpen an ausgestreckten HĂ€nden baumelnd, konkurrieren mit KokosnĂŒssen, Mangos und Bananen vor den Windschutzscheiben der Vorbeiziehenden. Schulanfang, das Ende einer Agrarmesse und die shoppende PrĂ€sidenten-Gattin, fĂŒr deren Sicherheit vorsichtshalber ganze StraßenzĂŒge gesperrt wurden, katapultieren die Feierabendkarawane ans Limit der Beweglichkeit. Das GPS berechnet sich im Minutentakt neu, wir haben uns verfahren. Unser Ziel ist das »Jungle Junction«, eine Herberge am anderen Ende der Stadt. In einer Stunde spĂ€testens wird es stockdunkel sein und zu allem Überfluss beginnt es zu regnen. Kein guter Zeitpunkt, um mit unserer gesamten Habe durch eine Stadt zu irren, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts im Ruf stand, der gesetzlosester und gefĂ€hrlichster Ort Afrikas zu sein. Der ist heute gesichert, Kenias Hauptstadt hat eine der höchsten KriminalitĂ€tsraten weltweit. »Nairobbery« – zweifelhaft klingt uns das Wortspiel in den Ohren. GroßstadtrealitĂ€t trifft Ethnopoesie. »Engare Nyarobie, der »kĂŒhle Fluss«, nannten die Massai den Ort. Erwachsen aus einem Eisenbahnlager und Versorgungsdepot der britischen Verwaltung Ugandas ist er zu einem reißenden Wasser geschwollen.
»Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngong-Berge. Die Äquatorlinie zog sich 25 Meilen weiter nördlich durchs Hochland, doch meine Farm lag 2000 Meter ĂŒber dem Meer  « Die Sicht in unserem Domizil reicht leider nicht bis auf die Berge, auch wenn unweit entfernt das mittlerweile zum Museum umgebaute Haus der Schriftstellerin steht, die Farm wich dem heutigen Stadtteil Karen. Direkt ans Viertel angrenzend der Nairobi-Nationalpark, den die sich ausdehnende Großstadt förmlich umwuchert hat. Hier tummeln sich auf knapp 120 Quadratkilometern immerhin achtzig SĂ€ugetierarten – Nashörner und Löwen inklusive. Die Grenzen des Parks sind fließend, wird uns erzĂ€hlt, des Nachts durchstreifen die großen Katzen schon mal das Viertel auf der Suche nach Essbarem.
Raubtieren begegnen wir nicht in unserer Herberge, dafĂŒr treffen wir Traveller unterschiedlichster NationalitĂ€ten, aus allen Richtungen Afrikas kommend. Das »JJ's« ist ein guter Ort, um notwendige Reparaturen durchzufĂŒhren, wichtige Informationen auszutauschen oder einfach nur eine kurze Verschnaufpause vor der nĂ€chsten Etappe einzulegen. Betreiber Chris, ein seit 20 Jahren in Nairobi lebender Deutscher, kam einst auf seiner Suzuki nach Afrika und blieb hĂ€ngen, an einer Frau. Cherchez la femme! Gut fĂŒr alle, die hier unterkommen, denn er schuf einen fĂŒr kenianische VerhĂ€ltnisse gĂŒnstigen Platz – mit Auto- und Motorradwerkstatt, sauber, gut sortiert und organisiert. Es weht ein Hauch von Deutschland. Ergo verschieben wir, ganz deutsch, wie so oft, das Verschnaufen auf spĂ€ter, kamen wir doch nach Nairobi, um weitere Etappen unseres Foto- und Filmprojektes »NOmadsLand« vorzubereiten. Schnellstmöglich mĂŒssen wir erstmal unsere Logistik koordinieren, denn diverse Botschaftsbesuche und dringende Wartungsarbeiten an der BMW stehen an. Die unwegsamen Pisten der insgesamt 32 Monate, die wir bisher unterwegs waren – dies unter der Dauerbelastung unseres extremen Gesamtgewichts – fordern einen hohen Tribut. Der StoßdĂ€mpfer der F800 GS, der uns ĂŒber circa fĂŒnfzigtausend Kilometer und durch sechs LĂ€nder sanft gedĂ€mpft und gefedert hat, ist im Begriff, sein letztes DĂ€mpferöl auszuhauchen. Seit Wochen liegt die BMW auf der Feder, wippt beim Fahren wie ein KĂ€nguru. Nach einer grĂŒndlichen Bestandsaufnahme verlĂ€ngern wir die Reparaturliste außerdem um eine neue Batterie, BremsbelĂ€ge und leider auch -scheibe. Der schwebende Bremssattel am Hinterrad hörte auf zu schweben, fraß sich fest und presste die Bremsbacken auf die Scheibe, bis kein Bremsbelag mehr zu erkennen war. Pures Metall hat die Bremsscheibe grausam bearbeitet.
In Gero von Randows Wissens-Kolumne in der »Zeit« heißt es, dass Technik ein Kommunikationsmittel sei. »Sie stellt ein gesellschaftliches VerhĂ€ltnis her. [
] Maschinen verĂ€ndern ihrerseits Normen, Umgangsformen, Gewohnheiten.« Aber ebenso: »Wir machen nicht nur Technik, sondern sie macht auch etwas mit uns.«
Es genĂŒgt ein kurzer Blick auf unser Motorrad und unser Equipment um festzustellen: Auch wir reisen mit viel Technik. Doch vor der Deutschen Botschaft in Nairobi beschleicht uns erstmals das GefĂŒhl, dass wir der technischen Evolution etwas hinterherhinken. Wir stehen vor verschlossenen Toren, denn Termine vergibt man dort lĂ€ngst via Internet-Buchung, und das ausschließlich! Auch der Verkaufsleiter der hiesigen BMW-Niederlassung, die wir wenige Tage nach unserer Ankunft auf der Suche nach Ersatzteilen aufsuchen, schafft es, uns diesbezĂŒglich zu verblĂŒffen. Mit aufgerissenen Armen begrĂŒĂŸt er uns wie lang vermisste Freunde. Er kennt nicht nur unser Motorrad, er weiß noch einiges mehr. Die Geschwindigkeit sozialer Netzwerke hat uns unbemerkt ĂŒberholt, nachdem zwei von unserer beladenen Maschine und GĂŒnthers ErzĂ€hlungen begeisterte Afrikanerinnen uns fotografiert und uns offensichtlich umgehend via Facebook-Post auf eine virtuelle Reise geschickt haben.
Von unserer »echten« wollen wir uns kurz erholen und freuen uns nach Monaten der Abstinenz auf urbanes Leben und die VorzĂŒge einer Metropole. Auf Geschichten und Erlebnisse anderer Reisender, auf ungezwungenes Beisammensein und Lachen. Das resettet, bereichert und erhĂ€lt uns die notwendige Distanz zu unserem Erlebten. Womit wir jedoch nicht gerechnet haben: Wir begegnen einer (uns) bis dahin unbekannten Spezies. Ausgerechnet hier, unweit des Ostafrikanischen Grabenbruchs, Teil des sechstausend Kilometer langen Großen Afrikanischen Grabenbruchs – ein geographischen Riss, der in Kenia am eindrucksvollsten sein soll – an der Wiege des modernen Menschen, von der einst der Ur-Reisende sich aufrichtete und loszog, die Kontinentalplatten zu erkunden. Der digitale Traveller reist heute mit Smartphone und Laptop statt mit Keule und Fell. AusgerĂŒstet mit Tablets, die Linderung nicht etwa bei Malaria oder Durchfall versprechen, sondern Abhilfe bei einem neuen Leiden schaffen: der Sucht nach permanenter Online-PrĂ€senz. WLAN oder Hotspot entscheiden ĂŒber AttraktivitĂ€t und Wahl der Unterkunft, wobei der Hotspot kein heißes Wasser verspricht! Kritisch wird es fĂŒr die Vertreter der neuen Spezies in den EDGE-Regionen, Kontakte zur virtuellen Aussenwelt sind dort schon so gut wie abgerissen. Ab 3G beginnen ihre Körper mit der AusschĂŒttung von Endorphinen, denn hier reicht die Übertragungsrate fĂŒr ruckelfreies Skypen und Streamen. Willkommen in der dritten Generation! Wirklich bemerkenswert an dieser Art der Kommunikation ist das Schweigen, das auch uns kurz sprachlos macht. Der verbale Austausch reduziert sich auf ein notwendiges Minimum, Community wird meist virtuell erlebt. Physisch beschrĂ€nken sie sich auf das Sharen des WLANs, gesprĂ€chig wird man erst im Netz. Sind diese Menschen vielleicht »Out of Africa«?
Aber noch gibt es die »Anderen«, es bedarf keiner App, sie zu finden. Wir treffen Kurz- und Langzeitweltenbummler, Reisende, die hĂ€ngen blieben, unheilbar infiziert vom Virus Afrika, Motorrad- und ReiseverrĂŒckte, die ihre TrĂ€ume leben auf zwei oder vier RĂ€dern, mit und ohne Motor unterwegs auf den Strassen dieser Welt. Weltoffen, großherzig, hilfsbereit, liebenswert, das Wissen um sie eine echte Bereicherung. Wir reisen gemeinsam auf einer WellenlĂ€nge, auf Wegen, die sich kreuzen. Ungewiss, wo sie enden.
Wochen spĂ€ter erschĂŒttert uns die Nachricht vom Tod zweier, die losfuhren, gemeinsam auf einem Motorrad die Welt zu umrunden. Wir lernten das australische PĂ€rchen im JJ's kennen. Ihre Reise hatte gerade erst begonnen, als ihnen auf den Strassen Ugandas ein Raser in einem 4x4 frontal entgegen kam und dann Fahrerflucht beging. Entsetzlich auch zu erfahren, dass man die beiden im Sterben noch beraubte. SĂ€mtliches GepĂ€ck – selbst persönliche Dinge – verschwanden, teilweise bereits am Unfallort. Nichts blieb, worin die Angehörigen Trost hĂ€tten finden können. Afrika, schreibt der Journalist und Autor Mark Seal in seinem Buch ĂŒber »Das mutige Leben der Joan Root«, sei ein Kontinent der Extreme. »wo große Schönheit gleich neben unvorstellbarer BrutalitĂ€t liegt, wo zwischen Leben und Tod eine hauchdĂŒnne Linie verlĂ€uft  «
Vieles hat sich verĂ€ndert, seit Karen Blixens Kaffeeplantagen-Traum zerplatzte und sie dem Land den RĂŒcken kehrte. Die Kikuyu lĂ€uteten in den 1950er Jahren mit dem Mau-Mau-Aufstand ein blutiges Ende der Kolonialherrschaft ein. Nach langen Jahren im Ausnahmezustand billigte die britischen Krone Wahlen, das Land wurde 1963 unter Jomo Kenyatta als erster PrĂ€sident in die UnabhĂ€ngigkeit entlassen. Im Widerstand hatte er den Landraub der weißen Herrscher angeprangert, wie Mark Seal ihn zitierte: »Als die Missionare kamen, besaßen die Afrikaner das Land und die Missionare die Bibel. [
] Sie lehrten uns, mit geschlossenen Augen zu beten. Als wir die Augen wieder aufschlugen, hatten sie das Land und wir die Bibel.«
Zum Zeitpunkt unserer Einreise, 52 Jahre spĂ€ter, soll sich der Sohn des ehemaligen FreiheitskĂ€mpfers, heute amtierender PrĂ€sident, Uhuru Kenyatta, vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten. Er gilt als einer der Hauptverantwortlichen fĂŒr die Massaker nach der PrĂ€sidentschaftswahl 2007. Damals starben mehr als 1.300 Menschen, eine halbe Million war auf der Flucht. Nachdem seine Regierung Zeugennamen öffentlich machte, zogen diese aus Angst um ihr Leben ihre Aussagen zurĂŒck, die Anklage musste fallen gelassen werden.
Ähnlich wie einst die dĂ€nische Autorin, haben sich viele Kenianer von ihren TrĂ€umen verabschiedet. Die soziale Schere klafft weit auseinander. Eine reiche Elite besitzt weite Teile des Landes und der Wirtschaft. Korruption und Gewalt beherrschen den Alltag. Politiker manipulieren und schĂŒren gezielt ethnische Konflikte zum Machterhalt, versorgen in erster Linie sich selbst und die eigene Gemeinschaft. Gemessen am Durchschnittsverdienst der Bevölkerung gönnen sie sich mit die höchsten DiĂ€ten weltweit. Die bĂŒrgerkriegsĂ€hnlichen ZustĂ€nde nach dem Wahl-Desaster sowie die sich seit 2011 hĂ€ufenden AnschlĂ€ge der Al-Shabaab-Miliz erschĂŒttern im Ausland den Glauben in die Sicherheit des Landes. Der Tourismus, Kenias Haupteinnahmequelle, liegt am Boden. Viele Lodges stehen leer und verkommen, an die KĂŒste verirrt sich kaum noch jemand – zu gefĂ€hrlich!
Nairobi verlassen wir in sĂŒdliche Richtung und nach nur wenigen Stunden verliert sich die Erinnerung an Hektik und LĂ€rm der Großstadt in der staubigen Hitze der Pisten wie das Flirren einer Fata Morgana. Auch das Wippen ist vergessen, der neue Touratech Suspension stemmt problemlos unsere 500 Kilogramm fahrende Last. Leicht hebt er uns ĂŒber den Parcours fast unsichtbarer »speed humps«, tonnenförmige Erhebungen, die sich oft ohne Hinweis unvermutet aufwölben, normalerweise vor Ortschaften, aber auch dort, wo unscheinbar verstreut in dĂŒrrer Landschaft HĂŒtten liegen. TĂŒckische Hindernisse – jeder, der sie ĂŒbersieht, kann sich glĂŒcklich schĂ€tzen, wenn er und sein Fahrzeug unbeschĂ€digt bleiben. Unsere Route fĂŒhrt in ein Gebiet nördlich des Kilimandscharo, nahe der kenianisch-tansanischen Grenze. Ab Kajiado geht es auf den »not recommended roads«, Pisten, die zum Amboseli-Nationalpark fĂŒhren, weiter nach Osten. Wir wollen zu den Massai, einem Nomaden- und Kriegervolk, beheimatet in den weiten Ebenen SĂŒdkenias und Nordtansanias. Ihrem Glauben nach hat Engai, Gott des Regens, ihnen sĂ€mtliche Rinder dieser Erde geschenkt. Folglich ist jeder andere, der ein Rind sein Eigen nennt, fĂŒr die Massai ein Viehdieb, und von ihrem »gottgegebenen« Recht, ihr Eigentum zurĂŒckzuholen, machen sie gebrauch – auch mit Gewalt. Bis heute nomadisieren sie mit ihren Herden, soweit es Enteignung und die Grenzen der Nationalparks ĂŒberhaupt noch zulassen. Erst wurden sie verdrĂ€ngt von weißen Siedlern, es folgten TierschĂŒtzer und schließlich die schwarze Regierung mit ihren Agrarprogrammen und LandverkĂ€ufen an private Investoren.
Unheilvoll tĂŒrmen sich vor uns rotdunkle Wolkenwirbel auf, drohen mit einer schweren Regenfront. Die Nacht bleibt trocken und die Piste am nĂ€chsten morgen fĂŒhrt uns nicht, wie befĂŒrchtet, ins Nass, sondern mitten hinein in einen trockenroten Ozean aus mehligem Puder, in dem wir knietief versinken: Fesch-Fesch, soweit das Auge reicht. Aufgewirbelt von Dutzenden, schwer mit Bausand beladenen LKWs verdunkelt er den Himmel und unter staubigem Rot erstickt kilometerweit unbarmherzig jedes GrĂŒn. Aus diesen illegalen Sandgruben nĂ€hrt sich das bauboomende Nairobi. Zwei Tage kĂ€mpfen wir uns durch die tiefen, zerfurchten, mit Flugsand gefĂŒllten Fahrrinnen der Piste. Im wabernden Untergrund sackt die BMW ein, schwimmt, schlingert, rutscht auf dem Motorschutz ĂŒber scharfkantige Platten des Lateritbodens, ĂŒber Serien hoher Bodenwellen, durch stufenartige Löcher, tiefe Mulden, allesamt verborgen unter dem weichen, ockerroten Teppich aus Fesch-Fesch. Wassergleich spritzt er unter unseren RĂ€dern auseinander, schiesst in FontĂ€nen hoch und vernebelt die Sicht.
WĂ€hrend wir erschöpft im Sand eine Pause einlegen, bewundern drei junge Massai das beladene Motorrad. Sie verdingen sich als Tagelöhner in den nahen Gruben und halten Ausschau nach einem unbeladenen LKW, der Arbeit verheißt. Bis zu vier Euro erhalten sie pro Beladung, ein bescheidenes, aber immerhin regelmĂ€ssiges Einkommen. Dass der Abtransport des Sandes ihre Weiden weitrĂ€umig vernichtet und sie kriminalisiert, ist hier wie andernorts bittere Ironie. Zum Grasen treiben sie ihre Herden widerrechtlich ĂŒber die offene Grenze in den Amboseli-Nationalpark, mĂŒssen flĂŒchten oder graben sich in Löcher ein, wenn sie ins Visier der Park-Ranger geraten. Nicht minder ironisch, denn der Erhalt der Wildtiere, heute ein Kassenschlager Kenias, ist entscheidend ihrer Lebensweise zu verdanken. Mit ihren Tieren in den Nationalparks zu leben ist den Massai verwehrt. Ausgesperrt sĂ€umen viele mit ihren kleinen HĂŒttendörfern – den Bomas – nun die Touristenpfade, wie auf der Amboseli Road, einer staubigen Wellblechpiste, die zum Ostgate des Parks fĂŒhrt. In diesen HĂŒtten der »Plastik-Massai«, wie sie auch spöttisch von vielen genannt werden, wird Massai-Culture-To-Go zu Touristenpreisen dargeboten.
Bei einem kurzen Stopp in Kimana verhilft uns, wie so oft schon, unser Motorrad in Kombination mit dem glĂŒckliche Zufall zum richtigen Kontakt. Juan, ein motorradbegeisterter Spanier, hat mit einem eigenen Spendenprojekt den Bau einer Schule nebst Unterricht fĂŒr Massai-Kinder in der Region finanziert. Seine Frau Bella, eine kenianische Luo, unterrichtete dort als Lehrerin. Gemeinsam erkunden wir die Region, besuchen verschiedene Clans und erhalten einen tiefen Einblick in die Kultur jenseits der Folklore blutroter TĂŒcher und bunten Perlenschmucks.
Wir beschließen, unsere Zelte nahe einer Manyatta aufzuschlagen, einem Zirkel aus HĂŒtten, in dem traditionell nur die Morani gemeinsam mit einigen eigens von ihnen ausgewĂ€hlten MĂŒttern leben, die diese jungen Krieger versorgen. Das Besondere dieser Manyatta ist: Die dort gelehrte und gelebte Massai-Kultur steht neuerdings unter staatlicher Schirmherrschaft. Die UnterstĂŒtzung beschrĂ€nkt sich jedoch auf das Hissen der kenianischen Flagge, Schulen findet man in der Region kaum. In der Hauptstadt weiß man nicht nur um das touristische Potential der Kultur sondern auch um die Vorteile eines niedrigen Bildungsniveaus, denn wer weder lesen noch schreiben kann, ist auch nicht in der Lage, seine Interessen zu vertreten.
Es bedarf mehrerer AnlĂ€ufe, aber nach zĂ€hen Verhandlungen und letzlich auch der Erlaubnis des obersten Chiefs der Region sind alle mit unserem Kommen einverstanden. Leider nur fast alle, wie es sich in den Tagen unseres Aufenthaltes dort herausstellt. Einige MĂ€nner der Umgebung (zuvor hatten sie vergeblich versucht einen Wegezoll in beachtlicher US-Dollar-Höhe von uns einzutreiben) haben die Frauen massiv eingeschĂŒchtert. Viele weichen uns aus, drehen sich beim Anblick unserer Kameras immer wieder verĂ€ngstigt weg. Das Filmen und Fotografieren wird tĂ€glich schwieriger. Bella, die fĂŒr uns dolmetscht, findet heraus, dass man ihnen erzĂ€hlt hat, wir wĂŒrden ihr Blut aus den Bildern trinken. Daran wĂŒrden sie langsam, aber sicher sterben!
Schwer baumeln die bunten PerlgehĂ€nge an den zerfledderten Ohren. Der oft ernste Blick der Massai-Frauen erinnert an den ihrer sanften KĂŒhe. Ihr Stellenwert in ihrer Kultur ist ein Ă€hnlicher und ihr Wert bemisst sich in KĂŒhen. Geboren als Eigentum des Vaters werden sie oft schon als Kinder verheiratet. Sobald er den Brautpreis erhĂ€lt, wechseln sie zum Arbeiten in die Familie des Ehemannes. Jedes Tun, jeder Schritt einer Frau, und sei er zur notfallmĂ€ĂŸigen Versorgung in einem Krankenhaus, bedarf der vorherigen Genehmigung, erst des Vaters, spĂ€ter des Ehemannes. Der Vater bestimmt auch, wann die Tochter beschnitten werden soll. Ein unter Androhung schwerer GefĂ€ngnisstrafen offiziell verbotenes, bis heute jedoch praktiziertes, grausames Ritual. Der scheinbar neutrale Ausdruck »Beschneidung« verharmlost, lĂ€sst weder die Vorgehensweise, noch die Schmerzen und FolgeschĂ€den der betroffenen MĂ€dchen erahnen, die nicht selten danach verbluten oder an Infektionen sterben. Die unglĂŒcklichen Geschichten und Schicksale der Massai-Frauen brennen sich tief in unser GedĂ€chtnis. Noch lange erinnern wir uns an das klĂ€gliche Bild einer jungen Braut, die ohne Freude, resigniert und gedrĂŒckt den Feierlichkeiten ihrer eigenen Hochzeit beiwohnte. Die fast heitere Äußerung einer Massai beim Holz sammeln: »Ich habe GlĂŒck, mein Ehemann schlĂ€gt mich nur wenig  «, den tiefen Schmerz einer Mutter, deren Tochter vom Ehemann vergiftet wurde. Geschichten, die mit Leid beginnen und ohne Hoffnung enden. Hoffnung vielleicht sehen die Frauen fĂŒr ihre Kinder durch ein wenig Bildung, sollten sie das Schulgeld aufbringen können.
Heftige Gewitter kĂŒndigen in der Nacht den Beginn der Regenzeit an. Den Massai bringt der lang ersehnten Regen frisches Gras fĂŒr die Rinder, er sichert fĂŒr die nĂ€chsten Monate ihr Überleben. Unsere Freude hingegen hĂ€lt sich in Grenzen, der Steppenboden ist aufgeweicht, wir versinken im Schlamm und unser Zelt lĂ€uft voll Wasser, denn nach vielen Monaten aggressiver Sonneneinstrahlung zersetzt sich der Zeltstoff. Ein Blick auf den Kilimandscharo lĂ€sst uns bei Sonnenaufgang die nassen SchlafsĂ€cke vergessen. Auf dem höchsten Berg Afrikas fiel in der Nacht der erste Schnee. Der Beginn des Regens ruft uns die Zeit in Erinnerung und mahnt zum Aufbruch. Unsere Visa laufen demnĂ€chst ab und zurĂŒck im Zyklus der Sesshaften bleiben uns 24 Stunden, um die Grenze nach Tansania zu erreichen.
Auf der Transitstrecke, ein Teil des Trans-African Highways Nr. 4, hasten wir ĂŒber den kenianischen Grenzposten Namanga nach Tansania. Es zieht uns zur ostafrikanischen KĂŒste. 14 Monate sind wir bereits unterwegs und ein weiterer Jahreswechsel unter afrikanischem Himmel steht bevor. Grund genug, unser Zelt mit Blick auf den indischen Ozean aufzubauen. Monoton rollt sich vor uns das Silbergrau der Straße auf. Auf den rund 600 km von der Grenze bis zur KĂŒste haben wir langsam aber stetig an Geschwindigkeit verloren. Selbst bei Vollgas erreichen wir trotz bester Fahrbedingungen nur noch maximale 90 km/h. Wir spĂŒren das Dröhnen des Motors, der unter uns hart arbeitet. Trotz der enormen Anstrengung gelingt es ihm nicht, den aufgebauten Druck in Geschwindigkeit umzusetzen. Bei einem kurzen Tankstop errechnet uns das IMO einen Verbrauch von 8,5 l pro 100 km, fast ein Drittel mehr als bisher, und das auf Asphalt!
Unsere Ziel liegt im SĂŒden von Tanga, dem einstigen Umschlagplatz fĂŒr den Sklaven- und Elfenbeinhandel. Heute blĂŒht dort muslimische Kultur in der verwitterten Architektur der ehemaligen deutschen Kolonialmacht.
Strand und Meer mĂŒssen warten, wir wollen als Erstes die Benzinpumpen-Elektronik wechseln, die unter der Sitzbank durch eingedrungenes Regenwasser völlig verrottet ist. Aber trotz einer Ersatzelektronik und der Reinigung des Filters durch RĂŒckwĂ€rtslauf der Pumpe erreicht der Motor nicht die gewohnte Leistung. Die Lösung ergibt sich zufĂ€llig beim BefĂŒllen unseres Benzinkochers. Eine große Wasserblase schwimmt im Benzin! »Verdienen kommt von VerdĂŒnnen« scheint das Credo der tansanischen Tankstellenbetreiber zu sein, die ihr Benzin großzĂŒgig mit Wasser und Kerosin strecken, um ihre Profite zu maximieren. Dass dies den Fuhrpark der Regierung stĂ€ndig lahm legte, hat den PrĂ€sidenten derart verĂ€rgert, dass er eigene Benzindepots anlegen ließ.
»Iiiiiiiiiiiiiiijjjaa!« Der lang gezogene, markante Schrei kĂŒndigt sie an, bevor ihr Wagen, vollgestopft mit Mitarbeitern und Waisenkindern, abrupt vor uns zum stehen kommt. Mit diesem Schrei, erzĂ€hlt sie uns, vertreiben die Massai-Krieger sogar Löwen. Vor 32 Jahren kam sie nach Tansania, und raste als mobile Missionskrankenschwester auf einer 500er-Honda durch die Steppen des Landes. Angelika Wohlenberg ist mittlerweile eine Institution, allen bekannt als »Mama Massai« oder »Sister Angelika«. Heute betreibt sie mit ihrer eigenen Organisation »Hilfe fĂŒr die Massai e.V.« diverse Projekte im Norden Tansanias und bei Arusha. FĂŒr ihre Arbeit erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Die Art der Massai, sie zu ehren, liegt ihr mehr. Liebevoll wird sie von ihnen »Pagishu« genannt, was »Die mir KĂŒhe schenkte« bedeutet. Es ist das höchste Lob, was sie vergeben. Wir treffen sie zufĂ€llig in unserem KĂŒstencamp. Ihre Geschichten sind so wild wie ihr Schrei, ihr Temperament nimmt es mit einem Rudel hungriger Löwen auf.
Um mehr ĂŒber Angelikas Arbeit zu erfahren, wollen wir uns nach den Feiertagen ihr Stadtinternat bei Arusha ansehen. Die Fahrt dorthin verbinden wir mit einem Trip in die Usambara-Berge. An den in die BerghĂ€nge geschlagenen kurvigen Pisten kommt kein pochendes Motorradfahrerherz vorbei. Der Abstecher in die Berge unterbricht unsere gewohnte Fahrroutine, ist willkommenes Training und Teststrecke fĂŒr Fahrer und Maschine durch eine beeindruckend schöne Region. Sie zĂ€hlt zu den artenreichsten der Welt, mit BergregenwĂ€ldern, die seit 30 Millionen Jahren existieren. Unbeeindruckt davon wurde hier zu deutscher Kolonialzeit großflĂ€chig gerodet, um im kĂŒhlen, malariafreien Höhenklima Farmen, Plantagen und Missionsstationen zu errichten. Die kĂŒhlen NĂ€chte sind wir nicht mehr gewohnt, im tropischen Klima der nur wenige Kilometer entfernten KĂŒste fielen die Temperaturen Nachts nie unter 32 Grad.
Im »Little Africa« treffen wir Angelika wieder. Hier kĂŒmmert sich die »Sister« mit ihren Helfern liebevoll um Massai-Kinder, die aus schwierigen FamilienverhĂ€ltnissen kommen oder Waisen sind. Gefördert werden bevorzugt MĂ€dchen, denn in der Massai-Kultur fließt das Geld meist nur in die Ausbildung der Jungs.
Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt jedoch in der Nordmassaisteppe. In Malambo, einem kleinen Ort am Rande der Serengeti, nördlich des Ngorongoro-Kraters, wird neben einer Schule und einer mobilen Klinik, AufklÀrungsarbeit und vieles mehr betrieben.
Hilfe, die die Massai dringend benötigen. Serengeti bedeutet in der Sprache der Massai »Das endlose Land«. Geblieben ist ihnen eine leere Metapher, denn die Welt um sie herum hat sich verÀndert. Das ihnen zugestandene Land ist heute »endlich« und weckt weiter Begehrlichkeiten. Die königlichen Familien der Vereinigten Arabischen Emirate besitzen bereits exklusive Safari- und Jagdrechte in der Nordmassaisteppe. Nach jahrelangen Versuchen, die Nomaden mit Gewalt zu vertreiben, wobei ganze Dörfer niedergebrannt wurden, Àndern die Saudis nun ihre Taktik. Mit astronomischen Summen werden die Clan-Chiefs dazu gebracht, das Land zu verkaufen, erzÀhlt uns Angelika, die Konsequenz ihres Handels ist ihnen nicht bewusst, denn in ihrer Kultur kann man Land nicht besitzen, nur durchwandern.
Unerwartete Probleme zwingen die »Sister« ĂŒber Nacht nach Malambo. Spontan beschließen wir zu folgen, entscheiden uns schweren Herzens gegen eine Fahrt mit unserem Motorrad. Viel schneller und auch kostengĂŒnstigster ist die Mitfluggelegenheit mit dem »Flying Medical Service«. FĂŒr die Strecke, die durch den Serengeti-Nationalpark fĂŒhrt, hĂ€tten wir vier Tage benötigt, mit den Buschpiloten erreichen wir Malambo in zwei Stunden, was uns zudem die horrende EintrittsgebĂŒhr beim Durchqueren des Parkes erspart. Das GeschĂ€ft mit dem »Garten Eden Afrikas«, wie der Nationalpark mit dem darin gelegenen Ngorongoro-Krater auch genannt wird, spĂŒlt immense Devisen in die Staatskassen, denn der Eintritt ins Paradies muss in US-Dollar entrichtet werden. Die Serpentinenpiste, die sich hoch zum Rand des Kraters schlĂ€ngelt, gleicht einem verstopften Highway. Die Parkverwaltung vermeldete bereits 2006, dass die wachsende Zahl der Fahrzeuge im Krater ein Problem darstelle.
MĂŒde und zunehmend beunruhigt warten wir seit fĂŒnf Uhr frĂŒh vor dem Flugplatz in Arusha. Pilotin Elsa ist viel zu spĂ€t. Sie musste noch eine kleine Patientin abholen, die im stĂ€dtischen Krankenhaus zur Behandlung war und jetzt zurĂŒck in die Steppe darf. Mit ihrem blonden Zopf wirkt sie kaum Ă€lter als das kleine Massai-MĂ€dchen an ihrer Hand. Routiniert checkt sie die Cessna 206. Und noch wĂ€hrend sie uns gelassen ihr Alter verrĂ€t – 23! – verteilt sie uns per Gewicht auf die vier Sitze der kleinen Maschine und Augenblicke spĂ€ter rollen wir dröhnend und vibrierend ĂŒber die Startpiste. Ein kurzer Anfangsspurt und vogelgleich lösen wir uns nach wenigen Metern vom Boden. Eine kleine Hand sucht Ă€ngstlich die meine und hĂ€lt sich daran fest. Vom Start fasziniert, hatte ich die kleine Massai neben mir völlig vergessen, so wie die Jugend der Pilotin, die erfahren die Maschine auf Kurs bringt. Unter uns verliert sich die Landschaft in erdigem Gelb und versinkt am Horizont in einem diesigen Wolkennebel. Aus GrĂŒn und Braun formieren sich Inseln und zwischen den dunklen Schatten einzelner Wolken fliegen wir dem Ol Doinyo Lengai entgegen, dem Götterberg der Massai am Rande der Serengeti. Einsam steht der Vulkan und die endlose Weite ruft uns Karen Blixens Beschwörung von Sehnsucht in Erinnerung. Raum löst sich von Zeit und wir genießen den Perspektivwechsel, die Landschaft mit diesem kleinen Buschflugzeug zu erkunden. Noch ahnen wir nicht, dass wir bereits in wenigen Tagen an den Fenstern einer Boing 747 sitzen werden. Nur diesmal mit getrĂŒbtem Blick, ein trauriger Anlass zwingt uns zurĂŒck nach Deutschland. Unsere F800 GS erwartet unsere RĂŒckkehr in Nairobi, am Fuße der Ngong-Berge


Text: Rea La Greca

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